Auf einer Veranstaltung der Denkfabrik der CDU Sachsen zum Thema „Eine Ordnung für die digitale Welt“ habe ich mit namhaften Vertretern aus Politik und Wirtschaft vor einigen hundert Zuschauern diskutiert.
Denkfabrik, Forum 6, Internet
(v.l.n.r. Prof. Scheer (BITKOM), P. Batt (BMI), J. Kottmann (Google), F. Bergmann (CDU/CSU-Fraktion),
C. K., Prof. M. Schulte (TU Dresden, Lehrstuhl f. öff. Recht)
Meine Meinung: Die Themem Datenschutz und Privatsphäre lassen sich nicht mehr so wie früher diskutieren. Leider habe ich keine Lösung parat und soweit ich darüber nachdenke, ist es jedenfalls kein fertiges Konzept. Hier dennoch eine Liste, wo sich Grundlagen der Datenschutzsystematik heute verändern:
- Es bestehen erhebliche Unterschiede zwischen öffentlich-rechtlichen Hoheitsträgern und privaten Unternehmen hinsichtlich der Gefahren, kurz- und langfristig. Zwar verkenne ich nicht, dass wir in einem Rechtstaat leben und eine 60jährige Periode von Wohlstand und Frieden erleben. Doch liegt der mögliche Mißbrauchszeitpunkt personenbezogener Daten sehr weit in der Zukunft, nämlich ein Menschenleben entfernt (Beispiel: heute erhobene Krankheitsdaten von Embryos mit Genschäden). Der Staat ist a priori nicht weniger gefährlich als private Institutionen, da er als einziger Gewalt ausüben darf. Wenn man ihn dennoch für weniger gefährlich halten möchte, weil er als Rechtsstaat legitim handelt, muss man eine positive Prognose über den Bestand des heutigen Rechtsstaates bis 2090 machen, und dies kann man meines Erachtens nicht. Insbesondere in Deutschland halte ich dies für einen ahistorischen Standpunkt.
- Seit Dritte die Daten von Bürgern ins Netz stellen (Beispiel: Bilder auf flickr und Facebook), hat sich die Gefährdungsstruktur verändert. Hier ist das massenhafte Fehlverhalten kaum kontrollierbarer Einzelpersonen eine große Gefahr, die der Gesetzgeber des BDSG nicht gesehen hat. Diese Gefahr wächst mit der Verbreitung von Videokameras, Handies etc.
- Ich sehe ein großes Problem darin, dass man eines Tages nicht mehr sicher sein können wird, ob ein Wort privat bleibt. Wir kennen heute schon Kameras in Schlüsselanhängern, die für knapp 10 EUR bei ebay erstanden werden können, und Stifte zum Mitschneiden von Gesprächen. Diese Technologien können zu Veränderungen der Kommunikation führen, da die ungeschützte Kommunikation, mit der man sich versuchsweise Positionen nähert, erschwert wird. Zugleich nimmt Fixierung der bisherigen mündlichen Kommunikation (schriftlich, aber auch Audio=mündlich) jeder Äußerung die Flüchtigkeit. Hier wird sich Kommunikation selbst ändern, und das nicht unbedingt zum Positiven, wenn wir nicht achtsam beim Einsatz neuer Technologien sind.
- Die Grenze zwischen „personenbezogen“ und „nicht personenbezogen“ passt in der interpersonellen Kommunikation nicht. Wer sich äußert, tut dies situativ, intuitiv, in Abhängigkeit vieler Faktoren und auch in Kenntnis der Fähigkeit des Empfängers, eine Information zu verarbeiten. Das heißt eine Information lässt sich kaum ohne Kontext und Empfänger (und dessen Beziehungsgeflecht sowie ggf. auch Macht- und Kontrollstrukturen) einordnen.
- Die Datenmengen künftiger Kommunikation führen eventuell zu einer anderen Bewertung der Situation. Beispielsweise sind massenhaft verfügbare Bewegungsdaten jedes Bürgers im Sekundentakt technisch absehbar, eine Bewertung sollte jetzt schon vorweggenommen werden.
- Zur klassischen Struktur von Personenattributen kommen Algorithmen hinzu, welche die Personendaten erst in Beziehung mit z.B. statistischen Daten zu einem „Gesamtwerk“ verweben, das kritisch sein kann. Dies betrifft beispielsweise Wahrscheinlichkeitswerte von Kriminalität, Bonität, sexueller und politischer Orientierung. Diese Ebene ist eine der größeren Bedrohungen, weil sie das menschliche Vorurteilswesen abbildet und für jedermann Aussagen verfügbar macht.
- Die hergebrachte Sicht betrachtet nur ein Datensilo, z.B. einen eCommerce-Anbieter oder eine Behörde oder einen adressensammelnden Verlag. Die neuen Risiken liegen aber zum einen in der Zusammenführung von Datensilos (schon heute lassen sich in USA Datensätze von eigenen Kunden mit Zugehörigkeit zu sozialen Netzwerken und Fremdabonnements kaufen), zum anderen im systematischen Handel mit allen diesen Daten durch Unternehmen, die dies weltweit in einer Grauzone tun.
Nachtrag 21.3.2011: Dieser Beitrag wird von einigen Lesern anders verstanden, als er gemeint war. Mir ging es darum darzustellen, inwieweit sich Grundlinien der Diskussion ändern. Meine Motivation ist dabei, zu einer verbesserten Struktur in der öffentlichen Diskussion beizutragn, die wichtiges von unwichtigem und kurzfristiges von langfristigem unterscheidet. Ich glaube, dass in der Öffentlichkeit momentan der Fokus auf die falschen Themen gesetzt wird. Politische Diskussion müssen mit dem Horizont von 5 Jahren geführt werden und nicht ständig anhand geänderter Datenschutzbestimmungen irgendeines Dienstes.


Berty März 21st, 2011, 10:07
Deswegen ist eine Entscheidung so wichtig, was unsere Grundeinstellung im konkreten Sinne einer Voreinstellung, eines Default-Wertes sein soll: Haben wir nur ein Recht auf Widerspruch oder ein Zustimmungserfordernis.
Ein Portraitfoto darf nur mit der Zustimmung des Portraitierten gemacht werden. Ein Foto einer großen Menschenmenge in der Öffentlichkeit auch ohne deren Zustimmung.
Hier gab und gibt es sinnvolle Grenzen – auch wenn sie manchmal schwimmend sein mögen.
Teleobjektive und Diktiergeräte gibt es schon lange. Ihr preislicher Verfall im Zuge der Digitalisierung kann kein Argument dafür sein, dass heimliches Beobachten sich verbreiten darf. Wenn Pistolen (noch) billiger würden, werden sie dadurch ja auch nicht ungefährlicher.
Den USA mag eine Do-Not-Call-Liste dort genügen, wo wir in der EU ein Zustimmungserfordernis sehen: Bei Werbeanrufen.
In der EU sollte uns auch ein Do-Not-Track nicht ausreichen: Wer tracken, also beobachten möchte, braucht bitte zwingend die Zustimmung des Beobachteten – egal mit welcher Beobachtungstechnik. Eben dies fordert die E-Privacy-Richtlinie de EU, die bis Ende Mai in nationales Recht umgesetzt werden muss: Beobachten nur mit Zustimmung.
Warenkorb- und anderer Session-Cookies sind ok. Aber wenn z.B. Doubleclick/Google und die IVW nahezu allen Surfern hierzulande Cookies o.ä. auf deren Rechnern ablegen, mit denen sie umfassende Nutzungsprofile anlegen können, dann geht das entschieden zu weit. Solche Nutzungsprofile sagen oft mehr über einen Menschen aus als jedes Portraitfoto.
Lesenswerte Artikel 23. März 2011 März 23rd, 2011, 14:38
[...] Datenschutz und Privatsphäre – Herausforderungen "Die hergebrachte Sicht betrachtet nur ein Datensilo, z.B. einen eCommerce-Anbieter oder eine Behörde oder einen adressensammelnden Verlag. Die neuen Risiken liegen aber zum einen in der Zusammenführung von Datensilos (schon heute lassen sich in USA Datensätze von eigenen Kunden mit Zugehörigkeit zu sozialen Netzwerken und Fremdabonnements kaufen), zum anderen im systematischen Handel mit allen diesen Daten durch Unternehmen, die dies weltweit in einer Grauzone tun." [...]
Andy Mai 1st, 2012, 22:38
Ich bin das erste Mal richtig erschrocken als ich das WEb Fronten von Google Analytics gesehen habe. Es macht einem schon ein wenig Angst, das das große G soviele Daten sammeln kann ohne das man es wirklich bemerkt. Ich lösche seither nach jeder Surfsession meine Cookies, nur so fühle ich mich noch einigermaßen in meiner Privatsphäre geschützt!