Im Blog „Fruchtmark“ erscheinen Beiträge zu Strategie und Praxis des Digital Business – unregelmäßig, pointiert und gern „gegen den Strich“.

Gedanken zu Google StreetView

07.03.2010 |

Die Diskussion um Google StreetView nimmt kein Ende. Hier ein Versuch, das Thema zu strukturie­ren und zu bewerten.

A. Grundsatz

Es steht jedermann zu, im öffentlichen Raum Fotos anzufertigen. Dies gilt nicht nur für Privat­personen, sondern auch für Autoren und Verlage, die diese Fotos in Büchern und auf Web­sites verwerten. Ich sehe keinen Grund, Google, Bing und Landkartenhersteller anders zu behan­deln als Autoren und Verlage. Zwischen einem Bildband oder einer Website „Architektur der Friedrichstrasse“, vor einem halben Jahr werktags aufgenommen, und dem entsprechenden Ausschnitt von StreetView ist kein inhaltlicher Unterschied.

B. Aktuelle Detaildiskussion




  1. Die häufig anzutreffende Argumentation, Google dürfe eine Maximalhöhe nicht überschrei­ten, weil dann die (durch Mauern, Zäune etc. bewusst geschaffene) Privatsphäre berührt sei, leuchtet zunächst einmal ein. „Über den Zaun zu gucken“ gehört sich nicht und es mag auch im Einzelfall sein, dass dadurch Kriminalität gefördert wird. Dennoch wäre ein der­artiges Verbot eine neue Regelung. Diese müsste für jedermann gelten, der Fotos veröffent­licht. Eine solche Regelung gibt es aber bisher aus verschiedenen Gründen nicht. Erstens, weil sie nicht abgrenzbar ist: Müssten auch Aufnahmen von höher gelegenen Häusern verboten werden? Ist es erlaubt, wenn sich ein 1,90-Mann auf eine Bierkiste stellt und von dort ein Foto macht? Darf man mit einem Super-Teleobjektiv von einem 1 km weit entfernten, höhe­ren Standort aus Fotos machen? Ich kann mir keine justiziable Regelung vorstellen, die keine Rechtsunsicherheit für weite Teile der Bevölkerung schafft. Diskutanten, die eine solche Grenze fordern, mögen bitte einen Regelungsvorschlag unterbreiten oder begründen, für welchen digitalen Anbieter hier eine Sonderregelung gerechtfertigt ist. Zweitens habe ich Zweifel an einer materiellen Rechtfertigung einer solchen Forderung, denn eine entsprechende Diskussion hätte längst bei Google Earth geführt werden müssen, da hier Luftbilder „von oben“ ganz neue Einblicke geben: ich kenne tatsächlich eine Hausbesitzerin, die eine bisher nicht einsehbare Treppe schwarz gestrichen hat, damit potentielle Einbrecher diesen Zugang zu ihrem Grundstück nicht erkennen. Und drittens, wohl der schwerwie­gendste Grund, warum es eine solche Regelung nicht geben sollte: es ist nicht ohne Grund gesetzlich nicht verboten, über den Zaun zu gucken, ohne und mit Stelzen. Es ist nämlich nur eine unerwünschte, moralisch zweifelhafte Handlung, die unterhalb der Schwelle rechtlicher Pönalisierung liegen sollte.

  2. Schwieriger zu beurteilen scheint mir die Frage, welche Bilddaten Anbieter wie Google spei­chern und veröffentlichen dürfen. Zunächst zur Rechtslage: Nach meinem Kenntnisstand gibt es ein Recht am eigenen Bild, das auch für das Einstellen durch Private gilt; dieses wird jedoch auf sozialen Netzwerken und Fotoplattformen in dramatischem Umfang ignoriert. Wenn ich also werten soll, dann würde ich eher hier als bei StreetView ein Problem sehen, da hier Aufnahmen in privaten Si­tuationen entstanden sind: Klaus in Badehose am Strand, Lisa im Arm von Heinz, Eduard mal wieder vor einer leeren Weinflasche. Im öffentlichen Raum je­doch, den Google nutzt, sollte das Risiko sehr gering sein, in einer kompromittierenden Situa­tion aufgenommen zu werden. Und wenn es doch geschieht, wie etliche Beispiele aus Street­View zeigen, sehe ich kein Schutzbedürfnis: man bohrt eben nicht öffentlich in der Nase und wenn, dann guckt man vorher, wer gerade fotografiert. Aber: Die massenhafte Missachtung des allgemeinen Persönlich­keitsrechtes durch Private darf natürlich kein Maßstab für Google & Co sein. Was falsch ist, ist falsch, egal ob durch Gunther (der alle Strand- und Partyfotos machte) oder durch Google. Es ist also richtig, dass Google anonymisieren muss.

  3. Ein Knackpunkt ist hingegen, ob Google die nicht-anonymisierten Daten überhaupt speichern darf. Die Antwort muss meines Erachtens nein sein. Wer das anders sieht, muss sich der Frage stellen, ob die Speicherung im Ausland geschehen darf. Diesbezüglich verstehe ich die Antwort von BDSG-Experten als „Nein“, ich zweifele aber daran, ob dieses Konzept überhaupt noch zeitgemäß ist:  das 40 Jahre alte Konzept des BDSG zielt auf kommerzielle Inlandsanbieter und wird dem weltweit verteilten Internet in Zeiten der Virtualisierung nicht gerecht. Das BDSG ist insoweit ein stumpfes Schwert, die Situation Anlass für eine international einheitliche Regelung. Worüber man tatsächlich nachdenken muss ist, ob man über die Durchsetzbarkeit von Ansprüchen deutscher Rechteinhaber neu nachdenken muss. Eine bloße Beitrittserklärung ausländischer Unternehmen im Rahmen von Safe Harbour reicht jedenfalls nicht.


Zwischenergebnis: Google StreetView „an sich“ ist erlaubt. Die rechtlichen Bedenken, sofern man sie mit mir teilt, sind marginal und könnten von Google ausgeräumt werden.

C. Materielle Aspekte


  1. Nicht unproblematisch erscheint mir der Dienst in ländlichen Gebieten. Damit meine ich allerdings nicht den Gesichtspunkt der Privatsphäre (wie Gutachter im Auftrag des Landes Rheinland-Pfalz), denn ich kann aus den Veröffentlichungen keinen Grund erkennen, warum vom Grundsatz (oben A.) abgewichen werden sollte. Ich meine den Gesichtspunkt der Kriminalität, und auch dies nicht unter rechtlichen Gesichtspunkten, sondern unter dem Gesichtspunkt sozialer Erwünschtheit bzw. Schädlichkeit. Befürworter von StreetView argumentieren dagegen gern mit der hohen sozialen Kontrolle gerade in Kleinstädten und Dörfern. Dies ist aber ein Trugschluss, weil sich die Kontrolle eben nur auf die Mitglieder der örtlichen Gemeinschaft bezieht, mögliche Täter jedoch von außen kommen und über den Dienst Daten über lokale Verhältnisse erfahren, die sie aufgrund der sozialen Kontrolle sonst nicht unbeobachtet erhalten würden. Plakativ formuliert: Bäuerin Erna „weiß alles über das Dorf“. Dieb Detlev kommt nicht aus dem Dorf und erfährt über StreetView, was er nicht erfahren würde, ohne von Erna beobachtet zu werden. Für dieses Problem sehe ich keine Lösung, kann aber auch nicht einschätzen, ob es nicht eher ein akademisches Problem ist. Gibt es einen nachweislichen Effekt zwischen StreetView und Kriminalität? Ich habe dazu keine Daten gefunden. Die jahrelange Existenz von Google Earth ohne entsprechende Nachrichten spricht gegen eine Gefahr, wenngleich Earth auch nicht diese hohe Auflösung bietet. Vorläufiges Ergebnis: Solange keine Kausalität zwischen StreetView und Kriminalität nachgewiesen ist, ist ein Eingriff in die Gewerbefreiheit von Google meines Erachtens nicht zu rechtfertigen. Und, wer sich darüber Gedanken macht, möge bitte Dienste wie www.flightradar24.com betrachten; das Problem der Veröffentlichung kriminalitätsfördernder Information ist möglicherweise grösser als StreetView und nur mit einer übergreifenden Analyse und Regelung angemessen lösbar.

  2. Fraglich ist aus meiner Sicht, ob die Anonymisierung ausreicht, die Google vornimmt. Genügt es, Gesichter und Kfz-Nummernschilder durch Verwischen unkenntlich zu machen ? Ich behaupte, dass ich 90% meiner privaten Kontakte an anderen Merkmalen erkenne: an Kleidungsstücken (mindestens drei Arten), an der Kombinatorik der zig-fachen Attribute dieser Kleidungsstücke (khaki-braune Jacke mit langen Ärmeln, Pelzkragen und Stickerei-Emblem hinten), Zusatzmerkmalen (Tasche, Aufkleber) sowie Körpermerkmalen (Haltung, Größe, Proportionen). In Verbindung mit Kontext (Ort und Zeit, ggf. Tweets) erscheint mir eine Person gut erkennbar. Entsprechendes gilt für Dritte, die genug Daten über eine Person haben, ohne sie zu kennen. Falls ich damit richtig liege, sollte man nicht von „Anonymisierung“ sprechen. Die Unkenntlichmachung des Gesichtes wirkt auf den ersten Blick wie das Pendant zum „Schwarzen Balken“ in Print-Medien, sie ist aber nicht dieses Pendant, da kein redaktioneller Auswahlprozess des Bildmaterials vorausgeht. Sitzen wir mit der Annahme von „Anonymisierung“ hier einem kollektiven Denkfehler auf?

  3. Bedenken habe ich durch die Integration anderer Daten in StreetView. Ich habe an anderer Stelle schon ausgeführt, dass mir die künftige Entwicklung mehrerer Technologien und Konzepte Sorgen macht. In diesem Fall sind es erstens Location Based Services, d. h. Geokoordinaten an Daten wie Tweets, Check-Ins und Bildern, und zweitens derart codier­te Bilder, die durch Privatpersonen aufgenommen werden, sowie drittens maschinelle Personenerkennung. Alles zusammen führt zu einem Privatsphäre-Problem, weil nun von belie­bigen Personen aufgenommene und ins Internet gestellte Bilder in einer einheitlichen Ober­fläche abrufbar sind: Man sieht das Haus und gleichzeitig Bilder von Menschen, die darin wohnen, und zwar Bilder aus ihrem privaten Umfeld bis zum Urlaubsfoto. Nun kann man sich auf den Standpunkt stellen, die einzige Ursache sei, dass Privatpersonen zuvor sorglos mit eigenen Daten umgingen oder Dritte nicht an Aufnahmen hinderten. Es mag in der Tat sein, dass sich das Nutzungsverhalten künftig restriktiv entwickeln wird, wenn diese Technologien zum Einsatz kommen – auch heute ist ja beispielsweise die Geokoordinaten-Nutzung selbst von internet-affinen U.S.-Twitterern unterhalb von 1%. Ich fürchte jedoch, durch mobile Nutzung und den tatsächlichen Nutzen vieler Anwendungen wird diese Quote drastisch steigen, ich selbst habe zum Beispiel irgendwann dann doch Geokoordinaten-Übertragung auf meinem iPhone für Navigation, Qype und lokale Kinonews freigeschaltet. Man muss also zwischen Nutzen und Schaden abwägen. Mir scheint es am sinnvollsten zu sein, die Erfassung von Geokoordi­naten anders zu behandeln als deren Veröffentlichung. Wenn ich also Qype Radar nutze, ist die Übermittlung von Geokoordinaten unbedenklich, und solange Qype mit diesen Daten vertrauensvoll und im Übrigen gesetzeskonform umgeht, ist auch hier noch kein politisches Problem. Das Problem entsteht erst durch Veröffentlichung an andere Dienste. Es ist also nicht selbstverständlich, wenn Qype die Daten auf seiner Plattform zugänglich macht, etwa diese Daten mit meinen Review oder mit jedem Nachschlagen veröffentlichen würde. Und da wir weniger über Qype reden: Das eine ist, dass Google für die „Nearby-Suche“ meine Geokoordinaten nutzen soll, das andere, ob Google sie veröffentlichen darf. Hier liegt ein strukturelles Problem von internet-typischen Mashups und APIs: es ist eben nicht schon deswegen okay, dass Daten zwischen Diensten getauscht werden, nur weil es technisch möglich ist. Bei Facebook etwa leuchtet es jedermann ein, dass Statusmeldungen nicht ohne Nutzer-Zustimmung an Suchmaschinen bereitgestellt werden. Ich möchte meine Nutzungseinwilligung nicht für die Weiterverwendung meiner Daten in beliebigen Web-An­wendungen abstrakt erteilen, sondern ich erteile sie konkret für den genutzten Dienst. Das müsste meines Erachtens für jede Art von Dienst gelten: nur weil ich auf meiner Seite ein Bild mit Geokoordinaten ablege, heißt das zwar – ohne entsprechende robots.txt – dass Suchmaschinen das Bild indizieren und anzeigen dürfen, aber noch lange nicht, dass diese die Geokoordinaten verarbeiten dürfen. Ich bin mir sicher, dass diese Problematik mit dem Semantic Web immer deutlicher werden wird: Wir brauchen granularere Rechte an strukturierten Daten, die ins Internet gestellt wurden. Das würde im übrigen auch die Qualität der Webnutzung verbessern: wie sollen sonst Visitenkarten mit privaten Zusatzdaten (z.B. Mobilnummer, private Maildresse – analog etwa XING) ausgetauscht werden? Ich weiß, dass dies Forderungen (erstens konkrete Nutzungseinwilligung ohne Verwertungsrechte in anderen Plattformen, zweitens granulare Rechte) viele neue Probleme nach sich ziehen – mir geht es aber um grundsätzliche Gedanken, die möglicherweise weiter entwickelt werden können.

  4. Angesichts der Gefahren freue ich mich, dass Google nun Einsprüche von Hausbesitzern und Mietern zulässt. Die weiter gehende Forderung nach einem (vorherigen) Opt-In erscheint mir überzogen, da diese Zustimmung auch bei anderen Nutzungen nicht erforderlich war. Frau Aigner hat im übrigen recht mit Ihrer Forderung (http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,682129,00.html), dass von StreetView auch Offliner betroffen sind, die naturgemäß über andere Wege als das Online-Medium informiert werden sollten. Indes ist diese Forderung inzwischen wohl ad acta zu legen, weil sie erfüllt wurde und werden wird: Die Presse hat nun bereits sehr breit berich­tet und dies wird bei Going-Live von StreetView in Deutschland mit Sicherheit auch nochmals intensiv geschehen.

  5. Bei StreetView taucht noch ein andere Frage auf: Wem stehen eigentlich die Daten materi­ell zu? Gehört das Stadtbild nicht der Allgemeinheit? Man kann sich hier auf den Standpunkt stellen, dass das Ganze eben mehr als die Summe seiner Teile ist. Vielleicht sind es die Nachwirkungen meines 68er-Gemeinschaftskundelehrers, aber mein Bauch sagt: Diese Bilder „gehören irgendwie uns“. Wobei ich mit „gehören“ eine wirtschaftliche und rechtliche Dimension meine, denn Google stellt diese Daten ja „uns“ zur Verfügung. Vielleicht ist mein Gedanke abstrus und schon deswegen erledigt, weil mit der Umsetzung von Stadtplanung in die Wirklichkeit das Konzept als solches eben der Allgemeinheit gewidmet wird und Google – als Teil der Allgemeinheit – die gleichen Rechte haben sollte wie jeder andere auch. Ich könnte mir jedoch auch vorstellen, dass in bestimmten Fällen digitaler Erfassung (nicht nur von Google) ein (einfaches) Nutzungsrecht zumindest für die öffentliche Hand entsteht oder diese Nutzungsrechte erwerben kann. Dies nur als Anregung, noch nicht einmal als ausgego­rener Vorschlag. Denn dasselbe müsste dann für Profi-Fotos von Außenarchitektur gelten und auch für Bewegtbilder aller Art – das will ich nicht und es würde schwer, hier eine Grenze zu ziehen. Die „Straßen von San Francisco“ gehören nicht den Bürgern von San Fran­cisco.

  6. Die StreetView-Diskussion erscheint mir politisch gesehen zu reaktiv. Mindestens ebenso gerechtfertigt wie Kritik an Google wäre die Förderung von Open-Source-Projekten zur Erfas­sung des öffentlichen Raumes. Also die Förderung von OpenStreetMap und auch die Unterstützung einer Infrastruktur, die zu den Ergebnissen von StreetView führt. Das wäre ein wirklich konstrukti­ver Ansatz. Kritik ist immer einfach, Bessermachen besser. Am Ende entschiede dann Quali­tät und ein vielleicht sogar besseres Konzept, weil alle mitmachen. Das würde freilich ein paar Millionen kosten.


Schlußbemerkung: Die öffentliche Diskussion wird – abgesehen von polemischen und daher unangemessenen Äußerungen aus dem politischen Raum – sehr von der Rechtslage geprägt. Das ist, was Aufsichtsbehörden angeht, auch richtig so. In der öffentlichen Diskussion sollten jedoch die materiellen Aspekte diskutiert werden. Wir befinden uns nach 40 Jahren IT in der Old Economy nunmehr mit Internet, sozialen Austauschmöglichkeiten im „Write-Web“ und Cloud Computing möglicherweise an der Schwelle zu neuen Konzepten und Ordnungsprinzipien wie vor hundert Jahren im Straßenverkehrsrecht, als Autos nicht mehr nur als schnelle Kutschen, sondern als eigenständige Betriebsgefahr angesehen wurden.

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Kommentare (13) zu „Gedanken zu Google StreetView“

  1. Anonymous März 8th, 2010, 10:39

    Grundsätzlich finde ich eine Diskussion über die Praktiken von Google gut. Aber ich sehe es wie der Autor: politisch gesehen viel zu reaktiv. So nach dem Motto “früher war alles besser”; das kann auch nicht der Weg sein.
    Was ist denn der richtige Weg, wenn der Weg von Google falsch sein soll? Welche Ideen sollen uns leiten bei der Bewertung von Vorgehensweisen, die wir eher gefühlsmäßig schwierig finden in Europa.
    Vielleicht sollte man versuchen einen s.g. “mid-atlantic” view in diesen Fragen zu finden, etwas mehr Amerika und etwas weniger Europa – und umgekehrt. Denn in den USA regen sich wenige darüber auf, über den Zaun zu gucken.

  2. Anonymous März 8th, 2010, 18:04

    Es ist in der Tat wahr, es steht jedermann zu, im öffentlichen Raum Fotos anzufertigen.

    Bleibt nur die Frage: Dachte man, als dieser Grundsatz festgelegt wurde, wirklich schon an ein Google-Geschäftsmodell?

    In der Praxis erscheinen in einer Zeitung oder im Fernsehen Fotos bzw. Filme von fremden Häusern und Grundstücken entweder aus redaktionellem Anlass oder als Beiwerk (zum Beispiel als Hintergrundkulisse bei einem Straßeninterview). Die Aufnahmen ist also nie ein Massenphänomen.

    Bei Google gibt es aber weder einen redaktionellen Anlass noch ist die Aufnahme der Häuser zufällig. Dahinter steckt etwas völlig neues: nämlich ein Geschäftsmodell. Was in der öffentlichen Disskussion leider nur eine Randrolle spielt.

    Wie Google damit Geld verdienen will, weiß keiner so recht. Und vielleicht weiß Google es auch nur eher vage. Nur dass die Daten – was ja Millionen kostet – nicht zu Unterhaltungszwecken erfasst werden, sollte auch dem Dümmsten klar sein. Und wenn Google damit Geld verdient (oder verdienen will), warum soll ich diese Daten (die Aufnahme meines Hauses) für lau zur Verfügung stellen? 100 EUR pro Jahr ist das Minimum; ansonsten heißt es: Kamera aus.

  3. Anonymous März 8th, 2010, 20:21

    @Hannes Klausmann:
    Was Sie schreiben, hört man in der Tat häufiger.
    In Deutschland gibt es aber eine Rechtsprechung, wonach aus dem Eigentumsrecht nicht das Recht folgt, eine gewerbliche Verwertung von Fotos zu unterbinden. Auch das allgemeine Persönlichkeitsrecht kommt nur dann in Betracht, wenn eine Verbindung zwischen Eigentümer und beworbenem Produkt hergestellt wird, siehe http://de.wikisource.org/wiki/Bundesgerichtshof_-_Friesenhaus.
    Dies gilt sogar nach der sog. “Panoramafreiheit” für urheberrechtlich geschützte Gebäude, siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Panoramafreiheit,
    Natürlich kann man das auch anders sehen, etwa gibt es die Panoramafreiheit in F, DK und anderen Ländern nicht.
    Im übrigen macht Google keinen Hehl daraus, dass auch in StreetView Werbung eingeblendet werden wird. Es gibt sogar schon ein Patent, diese Werbung auf Flächen einzublenden.

  4. Anonymous März 8th, 2010, 23:54

    Ihre Analyse gefällt mir, weil die unterschiedlichen Probleme deutlich zur Sprache kommen.

    Meist sind sie rechtlicher Natur, was außerhalb meiner Expertise liegt, aber derzeit in politischen Kreisen bereits in die Hand genommen werden.

    Für mich kommt ihre Darstellung der materiellen und wirtschaftlichen Frage zu kurz. Wem die Daten gehören ist sicher ein wichtiger Aspekt, der zur Entscheidung ansteht, das es nicht nur um die Ablichtung eines Straßenzugs sondern – was Google vorhat – um die Ablichtung und Katalogisierung eines gesamten Landes geht, mit anschließender Auswertung in ALLEN nur denkbaren Möglichkeiten.

    Googles Strategie beinhaltet (nach der Bilderfassung) die Katalogisierung und Vermarktung von lokalen Geschäftsangeboten in Verbindung mit Adressierung von ortsbefindlichen Personen, um letztendlich das lokale Werbegeschäft zu dominieren.

    Stellen Sie sich nur vor, wenn es Google gelingen sollte ein Monopol für die lokale Werbung aufzubauen, wie viele Arbeitsplätze in Deutschland verloren gehen können!

    Stellen Sie sich vor, welche Mehrbeträge ein Ladenbesitzer für seine Werbung aufbringen muss, wenn es nur eine Gesellschaft gibt, die seine Werbung in den Markt bringen kann!

    Stellen Sie sich vor, wie Handy-Benutzer reagieren, wenn sie mit Anzeigen von nur einem Werbegiganten auf ihrem Handy behämmert werden, der sie Schritt auf Schritt per GPS verfolgt!

    Stellen Sie sich vor, dass Google heute schon weiß – per GPS Geolocation, ist jetzt eingebaut in alle Handys – wer wo wohnt oder wo arbeitet.

    Stellen Sie sich vor, was die Verlinkung der Aufenthaltsdaten von Personen mit den Bildern von Street View ermöglicht! Es kann die totale Kontrolle bedeuten!

    George Orwell fürchtete “nur” den totalitären Staat. Jetzt müssen wir verhindern, dass ein “totalitäres” Unternehmen unseren Lebensraum unsere Freiheit einschränkt, indem unsere Daten genutzt und weiterverkauft werden.

    Reichen nicht schon die Einheitsspeisen- und getränke von McDonalds, Coca Cola, Subway oder Starbucks, die unserer Welt die individuelle Note nimmt und uns mit immer mehr Fehler und Gefahren aus den Konzernen belästigt?

    Ich weiß nicht, wie man dem Google-Problem am besten beikommt.

    Ob Google Lizenzgebühren zahlen soll für Nutzung der Katalogisierung eines Landes, einer Stadt einer Gemeinde.

    Oder ob die Kartellbehörden neue Ufer erklimmen müssen.

    Oder ob Bürger ihre Forderungen und Sorgen lauter und deutlicher aussprechen müssen.

    Oder ob Politiker neue Gesetze zur Datennutzung erfinden müssen.

    Oder ob Bürgerinitiativen auf Gefahren für Mensch und Unternehmen aufmerksam machen sollten.

    Ich weiß nur, der Dialog muss geführt werden. Noch mehr Menschen müssen sich dafür einsetzen, dass Google Privat- und Unternehmenswerte in großem Stil nicht ohne Nutzungsregelung katalogisieren und vermarkten darf.

    Da ich seit vielen Jahren in USA lebe und fast täglich mit Missbrauch meiner Personendaten konfrontiert werde – was hier völlig legal ist – kann ich nur eindringlich warnen.

    Einem amerikanischen Unternehmen Informations-Hoheit für die Katalogisierung aller Gebäude, Geschäfte – wer darin lebt oder arbeitet – zuzugestehen, bedeutet dass der Bürger nie mehr Einfluss darauf haben wird, wohin seine Daten fließen und für welche Zwecke sie benutzt werden.

    Nein, wir dürfen kein totalitäres Überwachungssystem eines Unternehmens zulassen. Auch wenn heute von Google beteuert wird, das System nicht zu missbrauchen.

    Mit den besten Hoffnungen, dass deutsche Bürger sich dafür einsetzen und den besten Grüßen aus California

    Otmar Cürten

    siehe auch meine Webseite:
    http://keshoo.com/?s=street+view

  5. Anonymous März 9th, 2010, 00:18

    [...] Autor Christoph Kappes zerlegt die Problematik sauber und ziemlich neutral auf seinem Blog Fruchtmark oder Fructus. (Als Internet Agentur auch [...]

  6. Anonymous März 9th, 2010, 08:56

    @Otmar Cürten:
    Ich verstehe Ihre Bedenken. Sind sind damit – entgegen der Wahrnehmung in Internet-Kreisen – auch nicht allein.
    Nur bin ich erstens der Auffassung, dass der Staat nicht Gesetze “ins Blaue hinein” schaffen sollte, denn noch erleben wir den von Ihnen beschriebenen Zustand nicht.
    Zweitens entscheidet die Akzeptanz über die Risiken: Sie können widersprechen und auch Geokoordinaten werden in jedem System nur nach Opt-In erfasst.
    Drittens bin ich der Auffassung, dass das Problem, ob und inwieweit US-Unternehmen deutsche Datenschutzbestimmungen einhalten, zwar existiert, aber durch die Safe-Harbour-Konstruktion geschaffen wurde – dies muss man überdenken.
    Was die kommerzielle Seite angeht, kann man sicherlich fordern, dass Google für etwaige Sondernutzung Gebühren zu entrichten habe oder für die Verwertung der gewonnenen Daten an Eigentümer Entgelt zu zahlen hat. Mir leuchtet nur erstens nicht ein, warum dies ein Privatsphäre-Problem lösen sollte, und zweitens sollte das dann keine Lex-Google sein, sondern muss für alle gelten, und das wiederum wirft geltendes Recht “über den Haufen.” Das muss man, wenn, dann in einem größeren Kontext neu überlegen.
    Ich selbst habe übrigens in einigen Punkten noch gar keine abschliessende Meinung, sondern versuche hier, die Dinge zu strukturieren, die in der öffentlichen Diskussion nicht ausreichend getrennt werden.

  7. Anonymous März 9th, 2010, 11:27

    @ck
    Es scheint zu einem Hauptargument zu mutieren: Der Hinweis, dass man ja widersprechen kann.

    Wenn ich in einer Reihenhaussiedlung wohne und das Mittelhaus herausgelöscht wird, was ändert das an dem Zustand ohne Löschung? De jure vielleicht viel, defacto gar nichts. Die Adresse kann einem Stadtviertel, das ansonsten genaustens von wem auch immer per Google-Streetview inspiziert und zum Beispiel bewertet werden kann (Scores), zugeordnet werden. Welche Autos parken da, wie sehen die Vorgärten aus?

    Vielleicht machen solche Tatsachen dann den Unterschied aus, ob ich bei Versandhäusern nur per Vorkasse oder per Rechnung bezahlen darf, ob ich für einen Kredit 10 oder 10,5 Prozent bezahle, oder ob ich überhaupt irgendwelche Angebot bekomme etc. Von kriminellen Absichten bzw. “Geschäftsmodellen” will ich hier erst gar nicht reden. Mit und aus Google-Streetview kann nicht nur Google selbst viel machen (platzierte Werbung dürfte nur die nette Einstiegsidee sein) sondern auch andere. Und über deren Absichten wissen wir noch weniger.

    Solche Überlegungen machen deutlich, wie stumpf das individualrechtliche Schwert des Widerspruchs schnell wird.

    Was die Entgeltfrage für Eigentümer anbelangt, dann ist das nur das letzte hilflose aber vielleicht systemkonforme Mittel, um mit diesem Problem umzugehen. Es hat sich irgendwie eingebürgert, dass Daten für lau zur Verfügung gestellt werden. Oder sie werden bei Käufen abgefragt: Je begehrter das Gut (das es zum Beispiel kostenlos als Lockmittel gibt) desto mehr Daten rücke ich raus. Ich kann natürlich lügen, aber muss dann damit rechnen, mit diesen Lügendaten irgendwann konfrontiert zu werden. Übrigens: Bei Google-Streetview kann man nicht lügen, was diese Daten gegenüber abgefragten so viel wertvoller macht (aus geschäftlicher Sicht).

  8. Anonymous März 9th, 2010, 12:34

    [...] Artikel veröffentlichte Christoph Kappes auch im Fruchtmark-Blog. Artikel [...]

  9. Anonymous März 9th, 2010, 14:27

    @all:
    Dieser Blogeintrag ist heute bei Carta.info erschienen:
    http://carta.info/23941/gedanken-zu-google-street-view/

    Da dort sehr viel mehr Leser sind als hier, empfehle ich, dort weiterzudiskutieren.

  10. Anonymous März 15th, 2010, 07:42

    [...] Gerichtsurteil untergräbt Datenschutz für Vereine Facebook springt auf Lokalisierungszug Mangelnde “cc”-Kompetenz: Post vom Bundestagscomputer Gedanken zu Google Streetview [...]

  11. Anonymous März 19th, 2010, 11:17

    Google hat für mich schon genug Monopol auf dem Datenmarkt. Wenn Sie mit ihrer Google Street View – Aktion in Deutschland durchkommen, habe ich ernsthaft Angst vor Stalkern! Grüße

  12. Anonymous März 19th, 2010, 16:29

    @Bassing: StreetView hat praktisch keine aktuellen Fotos. Die dürften idR mindestens sechs Monate alt sein.
    Zum Thema “Angst vor Stalking” fehlt mir nachweislich die Kompetenz.

  13. Anonymous August 17th, 2010, 11:34

    Wer auf diese, dem medialen Sommerloch entrissene, Phobie aufsteigt, zeigt nur seine mangelnde Sachkenntnis dem Informationszeitalter gegenüber.
    Nächste Haltestation: Bücherverbrennung
    Alles Neue und Unverständliche macht immer einigen Evolutionsbremsen angst.
    Da kommen sie aus ihren Höhlen gekrochen und befürchten den Raub ihrer Seelen durch die Ablichtung derselben.
    Es gibt nun mal einen öffentlichen Raum, durch den seit 200 Jahren Menschen mit Fotoapparaten streifen.
    Kaum jeher hat jemand Anstoß gefunden, nein sogar Gefreut hat man sich sein Antlitz der Welt und der Zukunft zu zeigen. Welch wissenschaftlicher Schatz wurde in dieser Zeit zusammengeknipst.
    Aber da hat man wohl die Rechnung ohne die deutsche Nachkriegsabneigung eines Überwachungsstaates und der Saison bedingten Langeweile der Medien gemacht.
    Liebe Mitbürger, es gibt Staaten und Globale Firmen.
    Globale Firmen enthalten mehr Demokratie als alle staatlichen Demokratien zusammen.
    Ins besondere wenn sie bei der Erstellung ihrer Produkte auf die Mitthilfe ihrer Kunden angewiesen sind.
    Die wollen uns nicht ärgern, ausspionieren oder berauben…
    Google ist ein sich selbst finanzierendes Forschungslabor.
    Es erforscht für die ganze Welt die grandiosen Möglichkeiten des Informationszeitalters.
    Google Earth ist ein sich demokratisch selbst schreibendes Geschichtsbuch an dem wir alle mitschreiben dürfen.
    Es wird eine detailgenaue, erlebbare Geschichte kreiert die unendlich viele Internet-Archäologen, Soziologen, Ethnologen, Statistiker, Schriftsteller, Maler, Historiker, Humoristen und Regisseure glücklich machen wird.
    Die meisten Bücher die geschrieben wurden und werden sind schlecht, einseitig, falsch oder gar menschenverachtend.
    Die meisten Filme und TV Programme sind schlecht, einseitig, falsch oder gar menschenverachtend.
    Die meisten Inhalte des Internets sind schlecht, einseitig, falsch oder gar menschenverachtend.
    Trotzdem haben alle Informationstechnologien zu mehr Wissen, Überblick und Verständnis über das Geschehen auf der Welt geführt.
    Man muss sie nur lassen.
    Außerdem ist es sehr nützlich eine virtuelle Welt in der Schublade zu haben,
    falls die Echte mal kaputt geht…

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