Im Blog „Fruchtmark“ erscheinen Beiträge zu Strategie und Praxis des Digital Business – unregelmäßig, pointiert und gern „gegen den Strich“.

Vier Thesen zum Apple Tablet

27.01.2010 |

Das neue Apple-Tablet ist wahrscheinlich in diesen Stunden überall zu sehen, nachdem seit Monaten Gerüchte gestreut wurden. Während sich die Kameras Steve Jobs zuwenden, hier vier Anmerkungen:

1. Das Tablet bietet neue Möglichkeiten der Inhalte-Präsentation, einfache Navigation und wird damit endlich das Web lesefreundlicher machen: Ein Gerät, dass man irgendwo im Wohnbereich nutzen kann, um zu lesen. Ich glaube an das Konzept, wenngleich ich mich frage, ob die Akzeptanzerwartungen nicht ein bisschen zu hoch sind, weil man – ganz praktisch gesehen – so ein Gerät ohne Herrenhandtasche nicht bei sich tragen kann.

2. Was ich nicht glaube ist, dass diese Plattform auf Dauer eine gute Lösung für Verlage und andere Inhalteanbieter ist. Zwar bietet sie digitales Rechtemanagement und über iTunes sicherlich auch einen zentralen Shop, soweit man dies 3 Stunden vor der Pressekonferenz ahnen kann. Doch wird Apple wie im Applikationsbereich die Konditionen vorgeben. Das Geschäftsmodell ist darauf ausgerichtet, sich eine „Provision“ einzuverleiben, bei der ich mich frage, was diese eigentlich rechtfertigt. Nun muss sich ein Unternehmen für hohe Gewinne nicht rechtfertigen, aber es ist doch schon bei iTunes offensichtlich, dass Apples gute Rendite auch daraus resultiert, dass weit mehr als die Kosten für die Infrastruktur eingespielt werden. Ich vermute, dass Apple aus gutem Grund das iPhoneOS und eben nicht MacOS als Betriebssystem ausgewählt hat. Mit dieser technisch geschlossenen Plattform wird Apple allen Inhalteanbietern die Konditionen diktieren, sobald ausreichend Marktanteile gewonnen sind. Apple verfolgt – wie Google und jedes andere Unternehmen auch – die Absicht, Gewinne zu erzielen. Wie simpel der Effekt ist, hat man doch schon vielfach beobachten können, beispielsweise bei eBay-Verkaufsagenten, die erst wie Pilze aus dem Boden schossen, um dann durch veränderte Konditionen wirtschaftlich zu vertrocknen.

3. Für Inhalteanbieter mag es eine Weile gehen, den Wettbewerb zwischen den Anbietern Apple, Amazon und Google für bessere Konditionen zu nutzen, aber wie lange geht das gut für eine Branche, die heterogen ist, wenig kooperiert und deren Mitglieder international gesehen zum Teil notleidend sind? Ich fürchte, die Lösung kann nur darin liegen, dass Inhalteanbieter eigene Plattformen schaffen oder sich auf offenere Plattformen begeben. Ob Android die richtige Wahl ist, darf man bezweifeln, denn solange Google im Online-Werbemarkt eine dominante Stellung hat, wird Google diese Stellung über geringere Umsatzanteile aus Werbeerlösen ausspielen.

4. Ungeachtet dieser wirtschaftlichen Diskussionen: Falls mit neuen Endgeräten vom Typ „Tablet“ der Durchbruch von Paid Content gelingt, wird dies auch der Debatte um die „Veränderung des Denkens“ eine neue Richtung geben. Es ist nämlich nicht nur die Hardware des bisherigen digitalen Mediums, die uns das „Deep Reading“ erschwert (geringauflösende Schriften, suboptimale Schriftsetzung, unzureichende Zeilenlängen etc.).  Die eigentliche Ursache ist die Oberfläche des digitalen Mediums, die mit einem werbefinanzierte Geschäftsmodell betrieben wird: erstens “weboptimierte Texte” mit Zwischenüberschriften, Schlagwort-Optimierung und Verkürzungen, zweitens Trafficoptimierung durch Inhalte-Teaser und 30% Navigationsflächen auf jeder Seite und drittens Werbung, die keinen anderen Zweck verfolgt, als vom Inhalt abzulenken. Da haben Redakteure der guten, alten Schule schon recht. Und auch der Teil der digitalen Fraktion, die sich noch an das Web der frühen 90er erinnern kann, wird bestätigen, um wie vieles besser man früher lesen konnte, als die ersten Hyper-Texte ohne Werbung mit Browsern der ersten Generation entstanden. Damals schrieben die einen nur unter dem Gesichtspunkt, gelesen und verstanden zu werden, und die anderen konnten sich auf das Lesen konzentrieren.

Anmerkung: Dieser Beitrag erscheint heute auf Carta. Da sich in mein kleines Blog nur wenige hundert Leser verlaufen, bitte eventuelle Kommentare dort anbringen.

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