Im Blog „Fruchtmark“ erscheinen Beiträge zu Strategie und Praxis des Digital Business – unregelmäßig, pointiert und gern „gegen den Strich“.

Google-Bashing: Nachlese

23.01.2010 |

Der Artikel wurde auf drei digitalen Plattformen gespielt und hatte in summa bisher rund 10.000 Abrufe. Über 200 Re-Tweets und Kommentierungen in 13 Blogs. Dabei war der Artikel ursprünglich eigentlich nur für dieses kleine Blog hier gedacht. Ich bin erstaunt, welche Reichweite man erzielen kann, und möchte alle, die sich an der Diskussion beteiligen wollen, nur ermutigen, selbst zur Feder zu greifen.

Wer den Stand der Debatte inhaltlich nachvollziehen möchte, schaut am besten erst auf carta.info und dann auf rivva.de. Es gibt 98% Zuspruch – was kein Wunder ist, denn ich habe mich darauf konzentriert, den Stand der Diskussion zusammenzufassen und zu kommentieren – und nur wenig Kritik: diese geht zumeist in die Richtung, ich würde zu sehr wirtschaftlich argumentieren, das aber war genau die Perspektive, die ich in eine laufende Mediendebatte bringen wollte.

Was mich besonders freut, dass sich auch Tekkies an der Diskussion beteiligen. Von einem Dialog würde ich noch nicht sprechen, aber es kommt vielleicht ein bisschen Bewegung in die Kommunikationssysteme. Und es wird auch klarer, dass es auch kritische Techniker gibt, vor allem in der Open-Source-Szene und unter SEO/SEM-Spezialisten, die schon aus wirtschaftlichen Gründen eine ambivalente Haltung zu Google haben. Während zum Beispiel ich jetzt verstanden habe, dass die Kommentare von Medienjournalisten einen ganz anderen Fokus haben, nämlich einen medienjournalistischen; insofern war es wohl keine gute Idee, in einem medienjournalistischen Blog, das den Spiegel kritisierte, zu mehr inhaltlicher Konstruktivität aufzurufen. Genauso gut hätte ich einen Literaturkritiker auffordern können, er solle doch mal selbst ein besseres Buch schreiben. Aber wir lernen ja alle ;-)

Für die weitere Diskussion würde ich mir wünschen, dass wir mehrere Ebenen auseinander halten:


  • Der Konflikt zwischen Verlegern und Google; er ist wirtschaftlicher Natur und sollte von Redaktionen mit angemessener Distanz betrachtet werden.

  • Die Diskussion um Privatsphäre: sie muss neu durchdacht werden, weil es nicht mehr nur um die 40 Jahre alte Achse Nutzer-Anbieter geht, sondern um die Nutzung technischer Möglichkeiten im „WriteWeb“ für jedermann, ein möglicherweise sich gerade änderndes Nutzungsverhalten, die neue Gefahr von Datenlecks und um die Frage, ob und wie man mit freiwillig abgegebenen persönlichen Daten umgehen möchte, derer sich Nutzer massenhaft und technisch-faktisch unwiderruflich begeben.

  • Die Diskussion um Chancen und Risiken einer ganzen Reihe von technisch-konzeptionellen Entwicklungen, die derzeit wie ein Turbo wirken: semantische Verfahren, Social Commerce, Soziale Netzwerke, Location Based Services etc.

  • Die Diskussion um Google: Dies scheint mir (neben der Diskussion um einzelne Produkte wie StreetView, Analytics etc.) vornehmlich eine wirtschaftspolitische Diskussion, die auf zwei Ebenen stattfinden muß: Welche Bedeutung hat Informationsinfrastruktur in wirtschaftlicher Hinsicht und in Bezug auf den politischen Willensbildungsprozeß? Und wie wollen wir mit Marktmacht schlechthin und in diesem Segment umgehen?

  • Die Diskussion um den Stand der Internet-Wirtschaft: Der Erfolg von Google, Facebook, Apple und Microsoft ist kein zufälliges Ergebnis. Im wohlverstandenen eigenen Interesse muss man sich hierzulande fragen, wie es dazu kam. Ich fürchte mich vor dieser Diskussion, weil sie sofort einen emotionalen Einschlag bekommen wird. Aber sie muß geführt werden, denn aus meiner Sicht geht es nicht nur um Schwächen des deutschen IT/Internet-Ökosystems und seiner Finanzierung und Förderung, sondern auch um die Rolle und Wahrnehmung von Forschung, Bildung und Technik. Diese Diskussion zu führen, bin ich nicht berufen. Aber ich wünsche mir sie.


Nachtrag 24.1.: Es sind jetzt 16 Blogs und einige Redaktionen aus der Print-Welt haben sich auch gemeldet. Mal schauen, was draus wird.

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