Prolog:
Während ich im Speisewagen über die neuen Twitter-Listen schreiben wollte, durfte ich folgendem Dialog beiwohnen:
Kellner rechts (zum Fahrgast links, zeigt auf braunen Karton): ” Watt ham Sie denn da für´n Teil?”
Fahrgast links (blickt hoch zum Kellner): “Das ist ein Todesstern!”
Kellner (mit groß aufgerissenen Augen): ”.. ? .. ! ..”
(Ja, so war das. Und im Speisewagen, dank Handy-Browser, schnell gegoogelt: Der Todesstern von Lego (ein Raumschiff aus Star Wars) für 420 EUR.)
Twitter-Listen:
Die neuen Twitter-Listen (Darstellung z.B. hier) sind eine kleine Revolution: Zusätzlich zu n:n-Kommunikation (also ich:viele und viele:ich) wird es nun den Zugang zu Inhalten weiterer Personen in einer Personenkette (n:n:m) geben. Statt nur einer (empfohlenen) Person zu folgen, kann man nun mehreren Personen (auf der Empfehlungsliste einer Person) folgen. So eine Art Clipping Service, hätte man früher gesagt.
Noch sieht das nur wie ein ganz normales Feature aus. Aber bei erstens stark ansteigenden Nutzerzahlen von Twitter über die nächsten Jahre, zweitens einer grossen Menge (2/3?) an Tweets, die Links auf Inhalte enthalten und so ein Zugangsweg zu Inhalten sind, entsteht etwas Neues: Sie sehen jederzeit, was an Inhalten in real time (also jetzt) gerade relevant ist und das aus Sicht Ihrer persönlichen Referenzpersonen.
Ich bin noch nie ein Freund von Branchen-Hypes gewesen und Twitter ist bis heute ein solcher selbst-referentieller Branchenhype.
Aber wenn Twitter die Entwicklung weiter forciert, kann Twitter für die aktuelle Nachrichtenlage der maßgebliche Relevanzfilter schlechthin werden (durch viele neue Features, beispielsweise ein Reputationsattribut an Usern) und, wenn noch mehr (Inhalts-) Domänen-Experten zu Twitterern werden, die redaktionelle “Handkomposition” durch maschinelle Trafficsteuerung auf Inhalte ersetzen. Das Prinzip ist ja so neu nicht, siehe Socialmedian. Man folgt dem Strom, nicht mehr den Personen. Die Anzahl der Follower verliert an Bedeutung. Die direkten Follower verlieren an Bedeutung. Content-Ströme nach Themen und Interessen kommen.
Man sollte im Digital Business nie bei der Vorstellung bleiben, dass ein Produkt so bleibt, wie es heute ist; auch iTunes ist ja längst keine Musiksoftware mehr.
Was sich hier mit den Listen andeutet, könnte bei weiterer Entwicklung der Twitter-Produkt-Roadmap ein Todesstern werden. In einem unscheinbaren braunen Karton, von einem netten Herrn hingestellt:
- Es wäre ein leichtes, die 140-Zeichen-Grenze aufzuheben und neben dem Tweet den Twot zuzulassen (1.400 Zeichen).
- Es ist ebenso leicht, Bilder statt Hyperlinks direkt anzuzeigen (die kryptischen Hyperlinks von URL-Shortener-Services sind ohnehin ein peinlicher Usability-Fauxpas, der vor 20 Jahren schon überwunden war).
- Eine User-Reputation durch einen kleinen Algorithmus einzuführen (im einfachsten Fall ein gewichtetes Ranken der Follower) ist ebenso simpel wie einleuchtend.
- Eine zeitgemässes User Interface obendrauf (Command-line-Krypto-Kürzel wie “RT” und “FF” erinnern doch mehr an ein anderes Tool für Kommunikationsprofis – und ich frage mich ernsthaft, ob das Produktmanagent von Twitter nicht den Charme einer Gruppen-SMS-Software absichtlich erwecken möchte, damit man Twitter unterschätzt! Macht doch mal ein schickes “Netz” mit Content-Knoten für die neuen Listen! Lange Listen als grosse Kugeln, Themen in Farben etc. )
- Eine API für andere Mailservices (Mails in der Inbox für Direct Messages?)
- Schicke Rankings für Öffentliche Listen (Top, Flop, Newcomer…), mit Archiv und Zugang über Kategorien bzw. Directories
- Und die ersten Twitter-Werbeflächen sind ja auch schon im Einsatz – Vooorsicht bei negativen Prognosen zur Monetarisierung ist angebracht, zumal vor gar nicht einmal zwei Jahren ja auch kaum jemand glaubte, dass Facebook profitabel werden könnte. Was zahlen denn Werbetreibende für Ads im Umfeld einer öffentlichen Twitter-Liste? Was würden User für Zugang zu bestimmten privaten Twitter-Listen zahlen?
Ich bin sehr gespannt, wie die nächsten Schritte der Facebooks, Twitters und Googles an der Realtime- und Relevanz-Front aussehen.
PS: Ein paar Stunden nachdem ich diesen Artikel live schaltete: Microsoft zahlt Twitter und Facebook Millionen USD für die Suche aus Bing.
