Es ist Sommer, was sehr schön ist. Aber auch Sommerloch. Während Normalbürger “Kein Politiker ist so sexy wie Guttenberg” (BILD) lesen müssen, dürfen wir digitalen Menschen über den neuesten Gartner Hype Cycle diskutieren, der frisch erschienen ist:
Wie immer richten sich alle Augen auf das obige Diagramm, dessen Original abzubilden nicht erlaubt ist, was im Internet aber durchweg ignoriert wird. Danke an die Computerwoche, die vorgestern über den 2009er-Hype-Cycle berichtet hat, das Diagramm nachempfunden und übersetzt sowie mir die Abbildung hier im Blog gestattet hat.
A. Die alljährliche Diskussion
Seit 1995 wird diskutiert, ob dieser oder jener Kurvenpunkt an der richtigen Stelle ist oder einer fehlt. Auf Links zu den vielen Kommentaren in deutschen Blogs verzichte ich schon deswegen, weil die Rechte des Diagramms bei Gartner liegen ;-)
Ins Auge sticht zum Beispiel „Micro-Blogging“, das Gartner erstens (u.a. aufgrund Spamaufkommen) schon kurz vor der Phase der Desillusionierung platziert, obwohl die Nutzerzahlen bis heute stark steigen. Und zweitens frage nicht nur ich mich, ob der Knoten nicht richtigerweise der übergreifende Trend „Real Time Web“ sein müsste – und dann ist er nämlich noch lange nicht im Downturn, wo ihn Gartner sieht, denn Facebook hat erst vor einer Woche den öffentlichen Realtime-Status eingeführt, diese Woche Friendfeed gekauft und Google wird mit Wave noch „dick herauskommen“.
Und es scheinen wieder einmal wichtige Themen zu fehlen: Das „Internet of Things“ fehlt und „Mobile Web“ auch, kritisiert zum Beispiel ReadWriteWeb, normalerweise eine fundierte Quelle.
Wieso kommt Gartner zu so fragwürdigen Ergebnissen? Zunächst zur Ehrenrettung von Gartner einige Erläuterungen, dann ein paar kritische Anmerkungen von mir.
B. Das Modell von Gartner
Es ist zu mehr als Unterhaltungszwecken nicht sinnvoll, über das Gartner-Diagramm zu diskutieren:
1. Zunächst mal ist das, worauf alle Bezug nehmen, eine knappe PR-Mitteilung. Sie will uns nur Appetit machen auf die Studien, die wir kaufen können. Zu jedem Thema 30 bis 100 Seiten umfassende Studien für 500 bis 2.000 USD. Hier ist das „Fleisch“, über das man diskutieren müsste, es ist nicht die Mitteilung. Aktuell sind es Studien zu rund 90 Themen, d.h. die verbreitete Grafik ist (selbstverständlich) nicht vollständig. Zum Thema Mobile zum Beispiel gibt es Studien, nur hat es das Thema nicht geschafft, auf dem Graphen platziert zu werden.
2. Gartner bezieht sich nicht auf das, was Sie und ich lesen oder hören. Es werden Menge und Stimmung von News gemessen sowie Finanzdaten und Research Datenindikatoren verwendet. (Dies erst seit 2009 übrigens, bis dahin galt 13 Jahre „Gartner analysts provide a subjective, peer-reviewed opinion“). Zur Methodik sehr empfehlenswert dieser Link. Also: Ihre und meine Wahrnehmung mag richtiger sein als die von Gartner, die haben aber im Unterschied zu uns immerhin eine Methodik.
3. Gartner wird nicht zur Unterhaltung oder Aufklärung der Internetcommunity tätig, sondern platziert die Methodik und die Studien als ein „Research Tool“ für Investitionsentscheidungen von Unternehmen. Es richtet sich in erster Linie an CIOs. Die Reifephasen (horizontale Achse) wurden gebildet, damit mehr oder weniger aggressive Unternehmen (drei Klassen A=aggressiv, B=moderat, C=konservativ) entscheiden können, ob und wann sie in einen Hype investieren. Diese Perspektive ist sehr wichtig! So wurde Micro-Blogging mit der Begründung im Reifegrad nach rechts gesetzt, weil viele Unternehmenssoftware-Lösungen mittlerweile Micro-Blogging als Bestandteil integrieren, sodass eine eigenständige Investitionsentscheidung aus CIO-Sicht an Bedeutung abnimmt. Aus dieser Perspektive geht also auch meine Kritik oben, die ich so locker schrieb und die sie bestimmt nicht für falsch hielten ;-), am Thema vorbei. Das ist nicht der Scope von Gartner. Es geht um Erwartungen und Reifegrad, aber immer im Hinblick auf Investitionsentscheidungen.
4. Der Hype-Cycle ist wesentlich differenzierter als er scheint, zum Beispiel hat Gartner erkannt, dass die Reifegrade vier und fünf (also die beiden rechten Segmente) sich für unterschiedliche Branchen sehr unterschiedlich ausprägen können („Horse Tail“). Und er ist Teil eines Frameworks, wie Unternehmen mit Innovationen umgehen sollten. Mehr dazu hier, falls Sie noch Bücher lesen.
C. Warum sehe ich diese Studien trotzdem kritisch?
1. Veröffentlichungen von Beratungsunternehmen wie Gartner wirken auf den Hype selbst stark ein. Das ist ein methodisches Problem: Das Messergebnis beeinflusst den gemessenen Gegenstand, Heisenberg lässt grüssen. Denn wenn alle CIOs Gartner-Analysen folgen würden, würde sich der Hype wie angekündigt entwickeln. Im Extremfall führen fehlerhafte positive Einschätzungen zunächst zu einer Verstärkung des Hypes und dann zu einem Kollaps mit Investitionsruinen.
2. Gartner will das Modell für „Technologien“, „Methoden“ und „Architekturen“ anwenden. Das ist für grundlegende Themen wie SOAP, OOP und RFID sicher richtig. Aber ich kann bei vielen Themen keine Kriterien erkennen, welche Granularität ein Thema haben soll, in welchem Verhältnis diese Themen zueinander stehen und welchen Anteil Technologie an ihnen hat. Sind etwa Blogs und Wikis wirklich eigenständige „Bubbles“ – oder entweder ein grundlegender Trend zum Readwriteweb oder umgekehrt nur ein bisschen HTML-Generierung? Bei einer gleichartigen Grafik eines Beraters mit dem Titel “Was ist Trend im Wald” mit den Knoten “Eichhörnchen, Blätter, Aufforstung, Steinpilze, Feuchtgebiete” würde man doch stutzig werden.
3. Ich bezweifele, dass eine IT-Sicht allein richtig ist, um Investitionsentscheidungen zu treffen. Sind es nicht neue Anwendungsformen, neue Kommunikationsarten und neue Geschäftsmodelle, die Innovation treiben und zum Erfolg oder zum Scheitern führen?
4. Die Idee, auf bereits existierende Technologieeinschätzungen aufzusetzen, ist nicht falsch. Aber ist – jedenfalls für Big Player – nicht die Frage: Wo sind wir selbst innovativ und treiben die Themen voran, statt auf fremde Züge aufzuspringen?
5. Das Problem der IT-Strategie ist weniger, ob ein Trend sich durchsetzt und wann man gegebenfalls aufspringen sollte. Das Problem ist mehr, für eine Vielzahl von Projekten die richtigen Vorgaben zu finden. Die Frage ist nämlich beispielsweise nicht, ob ein Enterprise Service Bus „an sich“ eine schicke Sache ist, sondern ob man ihn im konkreten Projekt wirklich braucht oder er in Bezug auf Kosten, Projektplanung und Performance nicht eher ein Hindernis zur Zielerreichung ist. Hier kann eine positive Aussage über die Adaption einer Technologie regelmäßig zu Fehlentwicklungen führen, weil strategischer Dogmatismus überhandnimmt. Ich habe Dutzende Projekte dieser Art erlebt.
6. Aus Sicht eines Unternehmens ist die marktspezifische Wettbewerbsstrategie wichtiger als der generelle Trend. Vielleicht ist es angesichts des Wettbewerbs richtig, sich bewusst als Second Mover zu positionieren; vielleicht dient eine bestimmte Technologie aber auch der Absicherung und Weiterentwicklung bestehender USPs gegenüber Wettbewerbern? Und vielleicht gibt es keine A-B-C-Unternehmen, weil unter Berücksichtigung des Marktes für jede Technologie themenindividuelle Entscheidungen zu treffen sind?
7. Der Hype Cycle ist ein Produkt der Medienwelt. Ohne Medien und Internet-Rauschen kein Hype. Unternehmen sollten in erster Linie nicht der veröffentlichten Meinung folgen, sondern sich eine eigene Meinung bilden, indem sie ihren Kunden und ihren Inhouse-Experten zuhören und danach ihren eigenen Weg im Bewusstsein der Risiken gehen. Unternehmerisches Risiko lässt sich begrenzen, aber nicht ausschließen, es ist ein immanentes Risiko. Man mag sich gar nicht vorstellen, wo wir heute stünden, wenn Konrad Zuse, Thomas Edison und James Watt von Beratern gehört hätten, dass eine Phase der Desillusionierung kommen würde.
8. Gut ist, wenn ein Unternehmen selbst einen Trend rechtzeitig erkennt, egal wie aggressiv die eigene Innovationsstrategie ist. Schon der erste Cycle von 1995 zeigt ja schön, dass es auch für Unternehmen mit konservativer Strategie besser gewesen wäre, frühzeitig auf den damals sogenannten “Information Highway” aufzuspringen und objektorientiert zu programmieren. Schauen Sie mal hier.
Und jetzt erwarten Sie bestimmt eine Zusammenfassung. Das ist nicht einfach.
Das Diagramm benutzen Sie am besten nur für Stammtische – und dann schauen Sie sich noch die Diagramme der Vorjahre an. Wenn es um reine Technologie-Entscheidungen geht: Studien kaufen. Das gesamte Vorgehensmodell für Innovationsprozesse: ja. Aber im konkreten Wettbewerbsumfeld, der Einschätzung von Chancen, Risiken und ROI kommen Sie und ich wohl nicht um eine eigene Entscheidung herum, die mit Risiken behaftet und damit unternehmerisch ist.
That´s Life. Life Cycle. Das Gesetz der Natur.
Nachtrag 21. August: Zum Stand der Inhalte-Qualität des deutschsprachigen Internets googeln Sie mal nach dem Gartner Hype Cycle. Mein Eindruck: es steht überall im Grunde das gleiche, von zwei etablierten IT-Zeitschriften einmal abgesehen.

Anonymous August 21st, 2009, 11:09
iBusiness verwendet die Idee des Gartner-Hypecycles ja auch – weil ich finde, dass er die Technologiediskussionen unserer Branche ganz gut abbildet. Allerdings in seiner Krautundrüben-PR-Version ist er natürlich unbrauchbar – Info-Fastfood eben.
(Man beachte beispielsweise, dass sich die Spracherkennung beispielsweise hartnäckig seit Jahren oben rechts findet – müsste die nicht weiterwandern?)
Wir benutzen die Kurve (samt ihrer Iterationen: manche Kurven landen nach dem Hype ja auch wieder im Boden) vor allem dazu, EINZELNEN Techniken ihre momentane Position darzustellen.
Fazit: Als Daumen-Methode durchaus sinnvoll. Ein Altarbild zum Anbeten ist es nicht. Eine Landkarte auch nicht
Anonymous August 24th, 2009, 10:50
[...] wieder auf dem absteigenden Ast. Hatten wir es nicht schon leise geahnt? Was nun? Der Blogautor Christoph Kappes lässt sich nicht beirren von der Darstellung, die in unserer Branche den Status des obersten [...]
Anonymous November 25th, 2009, 12:15
[...] Der Hype-Cycle: Bedeutung und Kritik Firmenwikis: Ihr Wiki-Projekt in guten Händen Social Software: Woran die Einführung von Enterprise-2.0-Tools scheitern kann Social Software: Der Wikipedia-Irrtum Micro-Blogging im Unternehmen: Potenziale und Anwendung Cloud Computing: Chancen und Herausforderungen Weitere Informationen zu Firmenwikis Vorheriger Beitrag Dieser Eintrag wurde am Mittwoch, den 25. November 2009 um 13:15 Uhr von Matthias Rauer veröffentlicht und ist Teil der Kategorie Intranet, Trends, Web-Technologien. Sie können alle Antworten auf diesen Beitrag durch den RSS 2.0 Feed mitverfolgen. Sie können eine Antwort schreiben, oder einen Trackback auf Ihrer Seite einrichten. Keywords: Blog, Cloud Computing, Consulting, Firmenwiki, Micro-Blogging, Social Software, Studie, Twitter, Web 2.0, Weblog, Wiki Verwandte Artikel:Cloud-Computing: Chancen und HerausforderungenTag-Wolke – Vorteile und Nachteile von gewichteten ListenSocial-Software-Projekte: Woran die Einführung von Enterprise-2.0-Tools scheitern kann (Teil 1)Micro-Blogging im Unternehmen: Potenziale und Anwendung am Beispiel des //SEIBERT/MEDIA-Micro-BlogsWeb 2.0 und der Stand der Dinge: Wer nutzt das Web 2.0 eigentlich? [...]