Vor einigen Monaten habe ich für einen Verlagskunden ein Konzept geschrieben, wie Communities in ein paar Jahren aussehen werden. Natürlich darf ich über die Ergebnisse hier nicht schreiben, aber einige Aspekte kann ich hier im Blog ansprechen. Heute geht es um den Begriff und eine Typologie. (Wenn ich ein bisschen Zeit habe, wird es in Folgeartikeln auch um andere Themen wie Reputationsmanagement, Identitätsmanagement und Privatsphäre gehen.)
Unter “Community” wird sehr unterschiedliches verstanden. Als kleine Hilfe für Innovatoren, Konzeptmenschen, Systematiker und Berater ;-) hier eine Definition und eine Segmentierung.
A. Begriff
Die meisten Beschreibungen dessen, was eine Community ist, sind auf der Featureebene: dort wird dann über Sharing, Upload, Comments und Ratings eine Community beschrieben (meist in Powerpoint mit einer handvoll Screenshots “Best Practice”). Das ist nicht falsch: ein Auto hat Reifen, einen Motor, ein Lenkrad usw. Aber hilft das bei der Konzeption? Nein, denn es kommt auf den Nutzen an, wenn man überlegt, wie eine Community ausgeprägt sein soll: ein Auto soll fahren und mich bequem und spritsparend etc. zum Ziel bringen. Unter diesen Gesichtspunkten konstruiert man Neues.
Konzeptionell ist m.E. eine treffendere Definition:
1. Eine Plattform
2. zum Austausch zwischen Nutzern,
3. die gemeinsame Interessen haben.
Und selbst das ist genaugenommen nicht richtig, denn je mehr Mitglieder eine solche Community hat, desto weniger gemeinsame Attribute bei den Mitgliedern und desto weniger gemeinsame Interessen gibt es, so dass man sich sogleich korrigieren muss:
2. der Möglichkeit des Austausches zwischen Nutzern bestimmter Nutzergruppen mit – mehr oder weniger – gemeinsamen Merkmalen
3. mit in diesen Nutzergruppen – mehr oder weniger – gemeinsamen Interessen, Wünschen und Motiven.
Das ist der Kern jeder Community. Hilft das weiter? Ja, weil wir sehen, dass diese Kommunikationsprozesse abbilden und fördern muss. Dabei ist eines der Hauptprobleme die Modellierung von Nutzungstypen und -interessen, weil sonst nachhaltige Kommunikation (oder gar hochwertiger Inhalt!) nicht zustandekommt. Nein, weil die Anwendungsfälle sehr verschieden sind: hier kann man schnell Fehlschlüsse machen!
B. Typologie
Die Vielfalt der Communities (allein in Deutschland sind es mindestens 250) lässt sich in Segmente unterteilen, die auf folgenden zehn Achsen entstehen:
1. Zielgruppeninteresse:
General Interest-Angebote (facebook.com), zielgruppenspezifische Angebote weiter Art (studivz.de, mamaweb.de) und zielgruppenspezifische Angebote enger Art (Special Interest-Angebote wie haustier-community.de, chefkoch.de)
2. Zielgruppentyp:
Business vs Consumer, Corporate Ja/Nein etc.
3. Funktion:
Inhaltsorientierte Angebote (myspace.com) vs. kontaktorientierte Angebote (xing.com)
4. Offenheit:
Geschlossene vs. offene Angebote, erstere auch in den Spielarten Invitation only (asmallwordl, Alumni) bzw. Pseudo-Invitation-Only (z.B. wer-kennt-wen.de)
5. Art der Mitgliedschaft:
auf unbefristete und auf befristete Mitgliedschaft ausgerichtete Angebote (letzteres z.B. eltern.de, parship, StudiVZ.de)
6. Selbständigkeit:
Communities als ein Annex zu einem inhaltlichen Content-Angebot oder einem funktionalen Angebot (z.B. Games) und solche, die eigenständige Webangebote sind
7. Medientyp:
Angebote unterschiedlichen Medientyps (flicker.com für Bilder, youtube.com für Videos, slideshare.com für Präsentationen, digg.com für Texte etc.)
8. 0.0., 1.0 vs. 2.0:
Moderne Formate (2.0) vs. die “guten alten” Foren (1.0), Mailinglisten und Bulletin Boards (http://en.wikipedia.org/wiki/Bulletin_board_system), die bis 1978 zurückreichen und die wir ganz keck als “0.0.” bezeichnen (schon diese erfüllen ansatzweise die o.g. kommunikativen Zwecke)
9. Gruppenidentität:
Angebote, die eine bestehende Gruppenidentität online abbilden und solche, die sie erst online zu schaffen versuchen (letzteres z.B. qype.de)
10. Finanzierung:
Unterschiedlich finanzierte Angebote (außer Online-Werbung beispielsweise Mitgliedschaftsbeiträge, Kleinanzeigen, Marketing Research, Intercommunity Advertising, Paid Content Services, Premium Services, Mobile Premium Services, Revenue Share)
Wer sich Gedanken über Communities macht, kann sich vielleicht über diese “Landschaft” behelfen, was Best Practice ist und was nicht und was man besser machen könnte. Damit nicht am Ende alles wie Facebook funktioniert – das prima ist, aber noch lange nicht der Weisheit letzter Schluss.
