Im Blog „Fruchtmark“ erscheinen Beiträge zu Strategie und Praxis des Digital Business – unregelmäßig, pointiert und gern „gegen den Strich“.

Worauf bei Web-Relaunches zu achten ist - Hinweise aus der Praxis

01.06.2014

Der Klassiker jeder Online-Abteilung ist der Relaunch, also die Neuentwicklung einer Website. Das ist – im Unterschied zum Redesign oder Rebrush – immer ein Eingriff in die Struktur der Site, meistens auch in ihre Funktion und Inhalte. Daher sollte man meinen, dass es im Internet Literatur und “Kochrezepte” über den Wechsel von einer alten zu einer neuen Website gibt. Doch weit gefehlt: Wie so oft bei Fachwissen sind im Internet nur fragmentarische Hinweise und einige Spezialartikel zum Thema SEO, was aber bei weitem nicht alle Aspekte trifft. Vielleicht haben Dienstleister nur die Lieferung des Software-Produktes im Auge, während man aus Kunden (=Betreiber)-Sicht den Schmerz ignoriert, weil er peinlich ist und ohnehin nur alle drei Jahre auftritt. Hier ein paar Hinweise für professionelle Praktiker:

1. Altdaten


Die Bezeichnung „Altdaten“ klingt wie “Altmüll”, könnte in Wahrheit Ihre wertvollstes Vermögen bezeichnen. In Zeiten von „Big Data“ und „Content Marketing“ (beide Begriffe schmerzen) wird klar, dass Daten nicht nur im Sinne des Content Managements „Assets“ sind, sondern auch im Sinne der Strategie. Leider sind diese Assets häufig von sehr großer Anzahl (zehntausende sind nicht ungewöhnlich) und vor allem sind diese Inhalte historisch gewachsen, weswegen in vielen Fällen gar kein sicheres Wissen über sie vorhanden ist. Es ist also niemand da, der folgende Fragen verbindlich beantworten könnte:
1. Welche Daten müssen wir übernehmen?
Und „Daten“ meint nicht „alles, was da ist“, sondern was sinnvoll ist. Pflegeaufwand und eine Art Datenhygiene (wie ein Strauch, der zu beschneiden ist) sprechen dafür, im Zweifel eher weniger zu übernehmen, die Aufrechterhaltung des SEO-Juices eher für mehr. Zudem enthält die richtige Antwort die exakte Struktur dieser Daten, beispielsweise verschiedene Zeitstempel (wann hat ein Datum einen bestimmten internen Prozessschritt durchlaufen). Es hilft nichts: das Altsystem muss analysiert werden, Objekt für Objekt. Wenn Budget und Politik das zulassen, buchen Sie den alten Dienstleister für einen Workshop. Gehen Sie alle Attribute der Datenobjekte Ihres Altsystems durch, um sich unangenehme Überraschungen zu ersparen.
2. Welche Daten können wir unverändert übernehmen bzw. welche Daten müssen geändert werden? Welche Daten sind vollständig, fehlerfrei, konsistent? Wenn nicht alle: mit welchen Maßnahmen und Personen erreichen wir diesen Zustand?
Im Arbeitspaket “Analyse der Altdaten” sind Korrektheit, Vollständigkeit und Konsistenz wichtig, weil Korrekturen Ihr Gesamtprojekt deutlich verzögern können. Wegen dieses Risikos muss so die Analyse so früh abgeschlossen sein, dass bis zum Systemtest so viel Zeit verbleibt, alle Daten von Hand zu korrigieren. Das geht natürlich häufig nicht, also ziehen Sie ein Sample der Daten und achten Sie darauf, dass es repräsentativ ist und nicht nur das schönste dessen, was sie haben. Also: Analyse mit Sample, dann gegebenenfalls Maßnahmenplan. Und überschätzen Sie die Rolle der Maschinen dabei nicht: der beste Scraper und der beste Importer oder Datenveredler kann aus Garbage nur Garbage erzeugen. Lieber mehr Zeit in manuelle Prozesse stecken, wenn es irgend möglich ist.
Wenn Sie sich des Themas nicht frühzeitig annehmen, stossen Sie drei Tage vor dem Launch im Systemtest auf Fehler, weil Ihr neues System Fachlogik enthält, die auf fehlerhaften Daten aufbaut (was ja eigentlich das Wesen von Fachlogik ist). Beispiel: Sie haben Georestriction-Attribute oder Zeitstempel zum Publikationsende. Wenn diese Daten nicht korrekt sind, wird Ihr System schwere Fehler produzieren.

2. Metadaten


Metadaten sind eigentlich ein Unterfall von Punkt 1, aber so wichtig, dass sie eine gesonderte Betrachtung erfordern. Hier tauchen des Öfteren drei Fragen auf. Die erste ist: unter welchen Bedingungen kann ein Objekt publiziert werden. Diese sog. Legal Restrictions sind extrem wichtig, weil sie teure Haftungsfälle auslösen können. Ein zweiter Punkt sind Taxonomien, Thesauri, Ontologien und andere Strukturen – hier reicht es nicht, die Metadaten zu migrieren, vielmehr muss auch die Hilfsstruktur (z.B. der Thesaurus) mitmigriert werden. Während manchmal schon die Daten nicht aus dem Altsystem exportierbar sind, weil ein Vollexport nie vorgesehen war, bedarf das Herausschälen der Hilfsstrukturen und das Integrieren in das Neusystem besonderer Chirurgie, da es Softwarekomponenten sind, die eng mit den Metadaten verzahnt sind. Ein drittes Beispiel sind Attribute, die erst durch Nutzerinteraktion entstehen: was tun mit 5-Stern-Ratings, wenn das Neusystem 6 Sterne hat? Was tun mit Best-Of-Listen etc.? Dazu auch siehe Punkt 4.

3. URL-Migration (SEO und Zugänglichkeit)


Die URL-Migration ist für alle wichtig, die über Google gefunden werden möchten. Auf den ersten Blick klingt es trivial, für alte URLs eine Umleitung auf neue URLs zu definieren, aber so einfach ist es leider nicht. Erster Schritt ist, alle URLs aufzulisten, für die ein Redirect eingerichtet werden soll. Da die wenigsten Systeme die genutzten URLs liefern, lassen Sie sich diese von einem Backlink-Tool anzeigen, was Ihnen auch ein SEO-Experte abnehmen kann. Anhand der Ziel-URLs des neuen Systems müssen Sie sodann eine exakte Zuordnung von alten zu neuen URLs entwickeln. Das ist einfach bei statischen Seiten, etwa vom alten zum neuen Impressum. Schwierig ist es bei Datenbankinhalten, die als generierte Webseiten sehr komplexe URLs erzeugen, die beispielsweise Nummern und IDs enthalten – hier müssen Sie wissen, was sich dahinter verbirgt, und das wiederum bedeutet meistens, dass sie entweder im Nebel tausend Heuhaufen suchen müssen oder jemanden finden, der die Bedeutung dieser URLs mal kannte (Tipp: Das ist der Programmierer, der längst die Firma verlassen hat). Außerdem sollten Sie es sich nicht zu einfach machen und einfach zig spezifische URLs auf eine einzige Seite umleiten, zum Beispiel 20 Texte auf eine neue Themenseite – Google mag das nicht so gern und verlangt eine möglichst granulare Zuordnung von URL zu URL. Haben Sie das erledigt, brauchen Sie noch Redirects für alte Inhalte, auf die z.B. soziale Netzwerke verweisen. Und am Ende muss jemand aus Ihrer Fachlichkeit ein kleines Programm entwickeln, das die htaccess-Datei für den Webserver generiert. Alles zusammen kann fachlich schwierig sein, so dass Sie am besten mindestens vier Wochen vor dem Launch mit der Konzeption beginnen. Denn: Sie müssen gefühlt 80% Ihrer URLs spätestens 48 h nach dem Relaunch redirected haben, sonst stuft Sie Google ab. Und wenn wir schon mal dabei sind: Achten Sie darauf, dass Ihr Dienstleister die Testsysteme von der ersten Sekunde an mit einer robots.txt-Datei versieht, die Google das Crawlen verbietet, sobald jemand fahrlässigerweise den Passwortschutz von der Site nimmt. Sie haben sonst nämlich Schrott bei Google. In diesem Zusammenhang bitte auch darauf achten, dass bei etwaigem Parallelbetrieb der alten Site der Crawler aussperrt wird ist und Links auf canonical gesetzt werden.

4. User Generated Content


User Generated Content ist normalerweise nicht selbständiger Inhalt, sondern hat – wie Kommentare – einen Bezug auf redaktionellen Inhalt und ist daher nicht ganz leicht zu migrieren. Ich habe noch nicht einen einzigen Relaunch bemerkt, der diese Inhalte übernommen hat. Das ist ein überraschend unfreundlicher Akt den Nutzern gegenüber. Theoretisch sollte es möglich sein, wenn es sich um klassische Kommentare handelt, mit Datenstrukturen wie hcomments von A nach B zu migrieren, zumal die Nutzerprofile ja ohnehin migriert werden müssen. Alternativ möchte ich anregen, bei älteren Artikeln die Kommentarstränge als eine statische Seite auszuspielen und eventuell auch die Kommentare zu schließen. Das sollte eine pragmatische Lösung sein.

5. SEM


Es empfiehlt sich, alle Anzeigen auf Google durchzusehen, ob sie so noch verwendet werden können. Die URL von Landing pages und die Site-Struktur haben sich ja fast immer verändert. Es ist bei brand searches ein bisschen peinlich, wenn oben die falsche bezahlte Anzeige steht und darunter die unbezahlte richtige.

6. Schnittstellen, Wucherungen und Balkone


Sie denken, Sie wissen genau, was Ihr Altsystem macht? Dann schalten Sie es mal ab und warten Sie, wer es vermisst. Ganz beliebt ist nämlich, dass es irgendeine Schnittstelle eines anderen Systems bedient, von dem Sie noch nie gehört haben, oder dass irgendjemand vor Jahren noch ein Pflege- oder Analysetool angeflanscht hat, das auch Sie nicht kennen. Ergo: Fragen Sie den alten Projektleiter, den Dienstleister und Ihre Kollegen im IT-Betrieb, nach Abhängigkeiten anderer Systeme und Funktionsmodule, die nicht zum Kernsystem gehören. Eventuell erfahren Sie schon früh von Wucherungen und Balkons, die man angebaut hat. Die müssen Sie nämlich mit migrieren oder überflüssig machen. Wer versorgt eigentlich Ihre Apps mit Inhalt?

7. Webanalyse


Man möchte meinen, dass man nur ein Stück Javascript oder einen Link auf einen Pixel in jedes Template einfügen muss, um auch die Nutzung der neuen Site analysieren zu können. Als Profi weiß man, dass man natürlich auch eine Systematik an Performance-Indikatoren zusammenstellen, bestimmtes Verhalten analysieren und Reports zusammenstellen muss. Unmittelbar nach dem Relaunch ist Webanalyse so wichtig wie sonst nie, weil Nutzer erstmals auf neue Strukturen stoßen und der Traffic des Öfteren um 20% einbricht. Die Konsequenz: Bereiten Sie vor dem Launch alles vor, damit sie alte und neue Site vergleichen können. Hat man das gleiche Tool wie zuvor, muss man sich entscheiden, ob man allen Traffic in den alten Site-Datenstrom laufen lässt oder ob man einen zweiten anlegt und dann eine Weile zwei Datenströme betrachte, die man vielleicht in einer Tabellenkalkulation zusammenführt. Hat man zugleich auch das Tool gewechselt, stellt sich die Frage, wie man Altdaten eines Systems in ein neues Webanalyse-System übernimmt. Ich persönlich bevorzuge die Philosophie, bei Webanalyse ganz maßnahmenorientiert nach vorne zu sehen, und würde mir daher vor dem Relaunch einige KPIs zusammenstellen, die kurzfristig einen Vergleich ermöglichen, also z.B. den Durchschnitt der Monatswerte einer Hand voll KPIs. Wenn in der Woche nach dem Launch z.B. die Anzahl der Besucher fast auf dem Niveau der letzten Monate ist, ist alles gut. Wenn dem nicht so ist, helfen alte Daten auch nicht, dann muss man eine Tiefenanalyse der Nutzung der neuen Site vornehmen.

8. Rechtsdokumente


Natürlich gehört die Anpassung einer Website an rechtliche Erfordernisse ebenso zur regulären Pflege wie die Aktualisierung von rechtlich relevanten Dokumenten um Rahmen von Change Requests. Soweit die Theorie. In der Praxis wird nicht jedes Unternehmen jedes Dokument ständig aktuell haben, weil das permanente Monitoring der Rechtslage bei gleichzeitiger Kenntnis der Fachlichkeit aufwendig ist. (Für Großunternehmen mit gut bestückten Rechtsabteilungen gilt das weniger, diese haben aber dann mit der Vielzahl an Anwendungen zu kämpfen.) Selbstverständlich prüft man daher die Nutzungsbestimmungen, Datenschutzbestimmungen und Erklärungen entlang von Transaktionen (Widerrufserklärung bei E-Commerce etc.) auf Aktualität. Leider sind aber auch erstens Texte im Frontend durchzusehen, zweitens neue Funktionslogik rechtlich zu prüfen sowie drittens Funktionslogik aufgrund neuer Rechtslage zu ändern. Ein schönes Beispiel für den letzten Fall sind Zwei-Klick-Lösungen bei Sharing-Buttons, die rechtlich veranlasst sind. Diesen Prozess kann man nur ganz fehlerfrei durchlaufen, wenn die Juristen die gesamte Fachlichkeit des Systems kennen, was in der Praxis zu aufwendig und im übrigen auch selten von Erfolg gekrönt ist, weil Fachlogik keine juristische Fachlichkeit ist und Juristen also das Fachthema nicht gut verstehen. Rechtsfragen beim Relaunch sind also prinzipiell ein Bermudadreieck, bei dem Probleme verschwinden wie die Titanic und danach titanische Eisberge auftauchen. Es ist daher Managementaufgabe, sich – die Fachlichkeit und mögliche Rechtsprobleme zugleich (!) im Blick – diesem Themenkomplex zu widmen.

9. Nutzer-Feedback


Hier sind drei Dinge zu tun: Erstens ist es für eine Evaluation sinnvoll, wenn man den Nutzern noch auf der alten Website ein paar Fragen stellt, die auch auf der neuen Site gefragt werden sollen – und zwar exakt die gleichen! Auf diese Weise hat man dann Vergleichswerte um die Antworten zur neuen Site richtig einordnen zu können, die relative Veränderung entscheidet. Zweitens sollte man ein Feedback-Tool bis einige Zeit nach dem Relaunch in die Website integriert haben (beispielsweise Jira oder Zendesk), damit unzufriedene Nutzer sich dort artikulieren können. Drittens sollte man nun wieder eine Umfrage machen, deren Kernfragen wegen der Vergleichbarkeit nun wiederholt werden (Werkzeugklasse Surveymonkey o.ä.)

10. Rollback


Zeigt sich nach dem Relaunch, dass auf die alte Website zurückgeschaltet werden muss (Rollback), ist das ganz einfach dadurch möglich, dass man die URL wieder auf das Altsystem zeigen lässt. Zu diesem Zwecke empfiehlt es sich, das Altsystem für einen kurzen Zeitraum weiterzupflegen, z.B. bei einer Newssite. Sinnvoll ist es auch, eine spezielle statische Wartungsseite vorbereitet zu haben.

11. CDNs


Viele größere Websites werden mit vorgeschalteten Cache-Server und Content Delivery Network (CDN) betrieben, damit Seiten schnell ausgeliefert werden und die eigentliche Applikation entlastet wird. Dies bedeutet dreierlei. Erstens müssen Sie mit Umstellungszeiten von einer Stunde o.ä. rechnen, bis die Replikation über alle Maschinen eines CDN erfolgt ist. Und sie müssen die Performance mit CDN in einem realistischen Szenario messen lassen, also mit „warmem Cache“ und richtig eingestellten Content-Lebenszeiten (TTL). Schließlich sollte das auch im Live-Betrieb sofort funktionieren und nicht nur im Testbetrieb, dafür müssen die richtigen Inhalte gecacht werden – ein Spezialthema für Techniker, das ich hier nicht weiter erläutere. Fragen Sie aber Ihren Dienstleister, welche Strategie er verfolgt.

12. Nutzerkommunikation


Zur Pressemeldung: Wenn man nicht gerade die New York Times ist oder ganz wichtige Features zu vermelden hat, ist ein Relaunch eigentlich eine Nicht-Meldung. Es gibt nicht so viel zu sagen, was die Menschen interessiert. Trotzdem ist es ein guter Kommunikationsanlaß. Ich empfehle daher, aktiv auf Multiplikatoren zuzugehen, damit später Backlinke entstehen.
Auch auf der Site selbst muss etwas über den Anlass und den Schwerpunkt stehen – das können Stammbesucher erwarten. Und für die Vermarktung in Social Media sollte man sich nicht zu fein sein, den Hinweis auf den Relaunch mit einem pfiffigen Gewinnspiel zu verbinden.

13. Betrieb


Unter diesem Stichwort verbergen sich zwei Klassiker. Der eine ist, dass Applikationsentwickler und Betriebsleute aus mir unerfindlichen Gründen immer wieder davon ausgehen, dass man mit einer E-Mail ja bereits geklärt hat, was man braucht. Die einen scheinen etwas unterentwickelte Vorstellungen der Betriebsinfrastruktur zu haben, weswegen sie überrascht sind, wenn Loadbalancer andere Sachen machen als sie stillschweigend erwartet haben. Umgekehrt haben Betriebsleute nicht immer die Phantasie von Applikationsentwicklern, und so kann es passieren, dass eine Firewall alle 30 Minuten Datenbankverbindungen kappt („Das machen wir immer so, das ist hier Sicherheitsstandard.“). Also: bringen Sie diese Welten am besten zu Beginn des Projektes an einen Tisch. Eigentlich sollte die Spezifikationen für den Entwicklungsauftrag vom IT-Betrieb vorgegeben werden. Und zum Projektauftakt sollte die Betriebsumgebung bis zur Releasenummer jeder Komponente vollständig und schriftlich beschrieben sein, während der Applikationsentwickler ein Architekturdiagramm mitbringt, welche Komponenten wie miteinander kommunizieren. Klassiker Nummer zwei unter dem Stichwort „Betrieb“ sind die Kommunikationsprozesse unmittelbar nach dem Launch: Wer macht bei wem ein Ticket auf? Wer hat wessen Handynummer? Wer lässt was monitoren und wer wird bei Ereignissen informiert?

14. Dauerschuldverhältnisse


Schon für mittelgroße Websites bestehen häufig Wartungsverträge, die rechtzeitig gekündigt werden müssen. Sinnvoll ist es meistens für den Site-Betreiber, für eine Übergangsphase eine einseitig verkürzte Kündigungsfrist vorzusehen. Manchmal bestehen auch noch andere Verträge, nämlich solche für Lizenzen an Softwareprodukten (z.B. CMS), für Datenlieferungen (Produktfeeds als XML oder API), Fotos und anderen Inhalten. Hier muss sich aus der Differenzanalyse zwischen alter und neuer Website erkennen lassen, ob die Verträge geändert oder aufgehoben werden sollten.

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Ein einfaches Strategie-Tool

20.04.2014

Des öfteren stellt sich die Frage, wie man in einer Personengruppe eine Strategiediskussion über die Unternehmensstrategie führen kann. Dabei kommt es darauf an, nach einer Freestyle-Phase, bei der jeder das ausdrückt, was ihm auf dem Herzen liegt, in einen rationalen Diskussionsprozess einzusteigen, der aber zugleich praxisrelevant und nicht überladen mit Lehrbuchwissen ist. Ich habe dafür aus klassischen Methoden ein Arbeitspapier erstellt, das sich auch schon mehrfach in der Praxis bewährt hat. Auf diesem Arbeitspapier beschreibt jeder Teilnehmer zunächst ein Produkt des Unternehmens, eine Leistung oder ein Geschäftsfeld, ordnet es im zweiten Schritt einem Reifegrad zu und bewertet es im dritten Schritt in den beiden Achsen Marktattraktivität und Eigene Stärke, jeweils anhand festzulegender Kriterien.

Portfolio Formular (pdf)

Portfolio Formular (Word .docx)

Strategie-Arbeitsblatt (Screenshot)

Die Methodik lässt sich gut in kurzer Zeit erklären (dafür benutze ich eine kleine Präsentation über Sinn und Zeck von Unternehmensstrategie) und in der Form des Arbeitsblattes werden alle Teilnehmer angehalten, die Gegenstände strikt und strukturiert aus Kundenperspektive zu bewerten, was zu meiner Überraschung vielen Mitarbeitern doch recht schwer fällt. Zugleich kann man die Ergebnisse einer Person und mehrerer Personen gut zusammenführen. In der Praxis stellt jeder Mitarbeiter jedes Arbeitsblatt vor und ein Moderator führt die Ergebnisse zusammen, zum Beispiel auf einer Pinwand. Alternativ kann man das auch digital abzubilden, etwa in Google Docs, ich habe jedoch die Erfahrung gemacht, dass physiche Interaktion und sogar der Zwang, ein einmal geschriebenes Dokument ein zweites Mal aufzubauen, für die Klärung der Gedanken sehr hilfreich ist. Denn darauf kommt es an: Dass die Teilnehmer eines Strategie-Workshops die Themen zu durchdringen beginnen. Es kommt nicht darauf an, dass Lehrbuchwissen gewissermassen in Tabellenkalkulationen hineinzukonkretisieren.

Die Dateien sind zum Herunterladen, have fun.

Literaturtipps:
Unter den Standards gefallen mir Hungenberg, Strategisches Management in Unternehmen, Amazon und Keuper, Strategisches Management, Amazon am besten. Um die Vielfalt zu erkennen, würde ich aber unbedingt noch einen Reader zur Inspiration empfehlen, zum Beispiel Scheuss, Handbuch der Strategien hier oder Mintzberg/Ahlstrand/Lampel, Strategy Safari hier - und auch den vor allem in der Startup-Szene gern empfohlenen Osterwalder, Business Model Generation, hier.

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Fructus Update

19.04.2014

Seit in diesem Blog vor ein paar Wochen einige Dutzend Texte zu professionellen Internet-Themen verschwunden sind, zum Beispiel der vielgelesene Text über Prozesse bei Dienstleistern, führt dieses Blog auf die falsche Fährte.

Zum einen sind die Texte zu “Digitalisierung und Gesellschaft” ohnehin seit 2011 auf www.christophkappes.de ausgelagert, um meine Arbeits-(“Business”)-Seite von der Schreib- und Denk-Unarbeit zu trennen. Wer also den Internetbewohner sucht, der suche in jenem Blog und andernorts im Internet. Ich wechsele die Orte gern. Die Haltung “Mein Blog, mein Haus, mein Gartenzwerg” ist meine Sache nicht, und was meine eigenen Texte angeht, kann ich gut damit leben, wenn sie verschwunden sind. Für mich haben sie ihren Zweck mit dem Schreiben und vielleicht noch mit dem Feedback erfüllt. Im übrigen betreibt Google einen zentralen Hilfsdienst für Menschen mit Suchproblemen und findet auch etliche scheinbar verschollene Texte von mir auf Spam-Sites, welche die Texte gnadenlos kopiert haben. Let it flow.

Zum anderen bin ich mit der Fructus GmbH seit Dezember 2012 für das Red Bull Mediahouse als Interim Manager im Online-Bereich tätig, zuletzt als Head of Digital Servus TV und in verschiedenen internen Beratungsfunktionen für das Medien-Geschäftsfeld. Zusätzlich gründe ich mit einigen Partnern zusammen Sobooks, eine digitale Buchplattform, was inhaltlich alles prima zusammenpasst (also Schreiben, Medien-Management und Medien-Gründung), aber natürlich keine Zeit mehr lässt für´s gründliche Schreiben, was mich zwar sehr wurmt, derzeit aber nicht änderbar ist.

Kurz gesagt: Die Früchte blühen.

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Google Book Settlement

08.05.2009

Über die Frage, was Google dürfen soll und was nicht, wird derzeit allerorten diskutiert. Noch ist unklar, was aus diesem Streit wird, aber die Argumente scheinen mir im wesentlichen ausgetauscht.

Vorweg: Ich selbst bin mir noch nicht sicher, ob das hergebrachte Urheberrecht langfristig den richtigen Weg aufzeigt, indem es nur den Urheber schützen will. Vielleicht ist diese Perspektive doch zu einseitig. Es ist sicher gut, einmal andersherum zu fragen, was es der Welt nützen würde, wenn qualitativ hochwertige Information jedermann weltweit zur Verfügung stünde – aber dann muss man auch über neue Modelle der Entgeltung nachdenken, sonst wird “schöpferische Tätigkeit” auf dem gewünschten Niveau nicht stattfinden, denn von Dank für Altruismus kann man sich kein Brot kaufen. Das ist ein weites Feld, vielleicht schreibe ich dazu einmal an anderer Stelle mehr.

Was mich aber an dem aktuellen Disput wundert ist die Struktur der Argumente pro Google:

1. Viele Verfechter argumentieren mit dem “Wesen des Internets”, seinen Chancen und seiner Rolle in der Informationsgesellschaft. Die Frage “Was soll im Internet erlaubt sein?” muss aber auf einer moralisch-ethischen und einer wirtschaftlichen Ebene diskutiert werden. Ein Verweis auf das Internet ist zirkulär. Das wird auch nicht besser, wenn man wie so einige Kollegen auf die Geschichte des Internets, die Meinungen seiner “Urheber” und den Stand der Diskussion in der Community und unter uns Internet-Profis verweist – denn wir Internet-Menschen können vielleicht zur Machbarkeit und zu neuen Ideen etwas gutes beitragen, die prinzipiell Klügeren in moralisch-ethischen und wirtschaftlichen Kategorien sind wir aber nicht.

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Serie Agenturauswahl, Teil 2: Kosten

04.05.2009

Nachdem ich es mir im letzten Blogeintrag mit dem Thema „Region“ leicht gemacht habe, heute einige Anregungen zu einem ganz schwierigen Fragenkomplex: den Kosten als Faktor für die Agenturauswahl.

Frage 1: Wie erkenne ich, auf welchem Preisniveau sich eine Agentur bewegt?

Generell halte ich die Kostenstruktur der Agentur für den besten Indikator des Preisniveaus, z.B. die Größe des Overheads, die Freelancerquote, den Schuldendienst (insbes. bei börsennotierten Agenturen) und das standortbedingte Personalkostenniveau. Solche Faktoren erkenne ich als Profi bei einem Besuch vor Ort mit ein paar Fragen.

Wenn Sie ohne dieses Branchenwissen ein Gespür bekommen möchten: Fragen Sie nach Kosten von Projekten auf der Referenzliste, die mit Ihrem Projekt vergleichbar sind! Hier wird man Ihnen zwar keine exakten Preise, wohl aber mündlich Preiszonen nennen – und wenn Sie vorher dezent erkennbar machen, dass Sie generell Referenzen einholen werden, werden Sie von der Agentur wahrheitsgetreue Angaben erhalten. Fragen Sie bei diesen Referenzprojekten nach “Aufwandstreibern”, d.h. den kritischen Faktoren, die den Aufwand bestimmt haben.

Beliebt ist auch die Abfrage von Tagessätzen bei Skillklassen, beispielsweise „Senior Konzepter“. Meine Meinung: Fragen Sie diese ab, aber nehmen Sie die Antwort nicht allzu ernst. Nach Standard-Tagessätzen fragen Einkäufer, die gern hochkomplexe Excel-Tabellen zum Ausfüllen vorgeben, jedoch leider übersehen, dass Dienstleistungen schwer vergleichbar sind. Agenturprofis sind bekanntlich kreativ und können meistens rechnen, sie werden Ihnen daher entweder marktübliche Preisangaben machen (z.B. 800 EUR/Tag) oder günstige Listenpreise nennen, die durch projektweisen Mehraufwand in der Praxis wieder zu marktüblichen Preisen mutieren. Das ist wie der Listenpreis des Grundmodells beim Autokauf – Sie verstehen mich schon ;-). Ausserdem können Sie nicht sicher sein, dass Sie in Ihrem Projekt diese Skillklasse tatsächlich auch bekommen und ich habe auch noch nie erlebt, dass die Seniorität eines Mitarbeiters im Projekt zu einer Nachverhandlung geführt hat (hier wird dann nicht über Tagessätze, sondern Mängel diskutiert). Ein deutlich formuliertes Beispiel: Sie erfragen vor Auftragsvergabe einen Senior-Tagessatz, nach Auftragsvergabe macht die Agentur aber eine Mischkalkulation mit 30% Praktikantenleistung – häufig übrigens der Sache nach zu recht, womit ich nicht sagen möchte, dass nicht der niedrigere Preis zu berechnen wäre.

Der in der Praxis entscheidende Weg ist, sich mit der Kostenermittlung bei Ihrem konkreten Projekt zu befassen. Weiterlesen »

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Serie Agenturauswahl, Teil 1: Region

23.04.2009

Da die letzten Tage die Sonne schien, fange ich mit einer kleinen Artikelserie an: einem “Heimspiel” zum Thema Agenturauswahl.

Heute: Die Region.

1. Der Faktor regionale Nähe wird meistens überschätzt. Wenn Sie sich auf eine einzige Region beschränken, reduzieren Sie den Kreis der infragekommenden Dienstleister „gefühlt“ auf ein Neuntel, nämlich um die übrigen acht PLZ-Gebiete. Nach meiner Erfahrung kommen innerhalb dieser einen Region nur sehr wenige Dienstleister in Betracht, jedenfalls dann, wenn Sie weiter nach den Kriterien Top-Qualität, richtige Größe, passende Chemie und Spezialwissen eingrenzen; in Hamburg beispielsweise, wo ich mich wirklich gut auskenne, kann ich Kunden in der Regel meistens keine drei Agenturen empfehlen, die den richtigen „Fit“ haben. Wollen Sie wirklich nur drei zur Wahl?

2. Ausserdem: die Mehrkosten für überregionale Zusammenarbeit werden überschätzt! Als Kunde können Sie die Agentur vertraglich zu pauschalisierten Reisespesen veranlassen, die auf langen Vorausbuchungsfristen beruhen. Beispiel: Hamburg-Frankfurt, 4 Meetings a 2 Teilnehmer der Agentur sind nach Bahntarif rund 1.300 EUR (Bahncard 25) bzw. 800 EUR (Bahncard 50), bei Billigfliegern gut das Doppelte. Falls Übernachtungen nötig sind, geben Sie der Agentur den Hotelbuchungscode ihrer Vertragshotels, auch das spart. Das Reisebudget sind daher wenige Prozent des Projektvolumens, die Sie durch Beauftragung von Spezialisten aus anderen Regionen schnell wieder amortisieren. Weiterlesen »

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Guten Tag.

20.03.2009

Viele haben mich seit der Gründung von Fructus gefragt: was ist und macht Fructus? Und was hast Du damit vor?

Die erste Frage soll diese Website beantworten.

Zur zweiten Frage, was ich mit Fructus vorhabe, ein persönliches Statement: Es gibt – entgegen allen Erwartungen von Branchenkollegen, Investoren, Bankern, Kunden, Ex-Mitarbeitern – keinen Plan darüber hinaus, was hier auf dieser Website steht. Fructus macht, was Fructus macht.

Ich bin Mitte der 80er als Jurist und IT-Mensch in die digitale Branche gekommen, weil mich etwas an ihr bis heute reizt: Dass etwas Neues entsteht aus der Zusammenarbeit von Menschen unterschiedlicher Disziplinen und Mentalitäten, unter den schwierigen Bedingungen von Technologie und Zeitdruck. Ideen zum Fliegen zu bringen, die sich einerseits wirtschaftlich rechnen und die andererseits Nutzen für Viele stiften, das ist das eine, was mich antreibt. Menschen zusammenzubringen und zu führen, die unter diesen Umständen produktiv sind und kooperativ miteinander umgehen, das ist das andere, was ich in rund 20 Jahren in der Praxis gelernt habe und was ich – nach vielen Lektionen im Leben! – inzwischen beherrsche und gerne weitergeben möchte.

Fructus ist Luxus, für mich persönlich, und ich freue mich auf das, was kommt.

In diesem Blog hier werde ich zu denjenigen Themen unregelmässig Beiträge schreiben, die mich im digitalen Geschäft beschäftigen. Das wird nicht das hundertste Posting zu Technik und Twitter sein, das können andere besser. Ich möchte versuchen, eher hintergründig und nicht nachrichtengetrieben zu schreiben. Es wird nicht häufig sein, dass ich schreibe, und wenn ich schreibe, wird es fragmentarisch und durch meine persönliche Brille betrachtet sein, weil dies das Medium ausmacht. Geschliffene Vorträge, ausgefeilte Konzepte und sachliche Analysen sind daily business und gehören hier nicht hin.

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